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"Wiener Zeitung": Ihr aktuelles Buch heißt "Liebe und andere Wagnisse" - was ist Liebe, Frau Jaeggi?

Eva Jaeggi: Es gibt so viele Aspekte der Liebe und so viele unterschiedliche Formen Liebe zu leben - weit über den Rahmen der klassischen Zweierbeziehung hinaus. Ich finde es deshalb nicht gut, eine abstrakte Definition für die Liebe zu suchen. Sicherlich gehört es dazu, dass man einen Anderen respektiert, und dass einem dieser Andere sehr nahe kommt. Nähe bedeutet, dass ich das Gefühl habe, etwas von einem anderen Menschen zu verstehen. Je nach Alter und Lebenssituation spielen außerdem gegenseitige Fürsorge und Erotik eine wichtige Rolle. Die einzelnen Aspekte können jedoch ganz unterschiedlich gewichtet sein, denn bei einem Paar spielt Respekt eine größere Rolle, beim anderen Fürsorge oder geistige Übereinstimmung. Liebe ist etwas sehr Individuelles.

Eva Jaeggi im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin Dagmar Weidinger. - © Weidinger
Eva Jaeggi im Gespräch mit "WZ"-Mitarbeiterin Dagmar Weidinger. - © Weidinger

Sie sagen, dass es darum geht, einen Anderen zu verstehen. Aber ist es nicht in der Liebe besonders wichtig, gerade jene Seiten oder Eigenschaften des Partners zu akzeptieren, die ich vielleicht nie verstehen werde?

Das stimmt. Das Trotzdem-Akzeptieren ist auch ein Aspekt der Liebe. Jemanden ganz und gar zu verstehen, ist sowieso illusorisch. Das Fremde am Anderen ist häufig der Grund, warum Paare sich uneinig sind und Streitigkeiten aufkommen. Oftmals kann man dabei jedoch beobachten, dass Menschen dazu neigen, sich über jene Seiten am Partner zu beschweren, die sie am meisten anziehen. Dass der Andere zum Beispiel mehr Freiheit will. Bekommen solche Personen dann einen Partner, der mehr ein Heimchen am Herd ist, sind sie auf einmal gar nicht zufrieden, und es kann schon die Erkenntnis entstehen, dass der Drang hinaus und das Sich-den-engen-Grenzen-Entziehen etwas Reizvolles sind. Man könnte auch sagen, dass Liebe dann entsteht, wenn der Andere Eigenschaften hat oder ausdrücken kann, die ich nicht auslebe.

"Es gibt so viele Aspekte der Liebe . . ." (Jaeggi). Hier der Schriftzug in einer Ausstellung in Bonn, 2015. - © ullstein bild/Ulrich Baumgarten
"Es gibt so viele Aspekte der Liebe . . ." (Jaeggi). Hier der Schriftzug in einer Ausstellung in Bonn, 2015. - © ullstein bild/Ulrich Baumgarten

Wie kann ein Mensch diese Bereicherung durch die "schwierigen" Seiten des Partners wahrnehmen lernen? Oft handelt es sich dabei ja um eigene Projektionen - und diese zu erkennen, setzt schon eine große Reife voraus.

Sich seiner Projektionen wirklich bewusst zu werden, ist natürlich oft die Frucht einer langen Therapie, weil es sich um unbewusste Prozesse handelt. Es geht darum, die Tatsache langsam ins Bewusstsein zu heben, dass einen das, was einen so ärgert, gleichzeitig fasziniert. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, welche Art von Partner ich eigentlich möchte. Wie sähe das eigene Leben dann aus? Durch solche Fragen kann man sich unter Umständen schon darüber klar werden, dass man den Partner so braucht, wie er ist. Dadurch kann der Groll verschwinden. Aber auch ohne lange über Projektionen nachzudenken, gibt es viele Menschen, die in einer Beziehung lernen zurückzustecken. Die sich sagen können: Naja, der ist jetzt nicht so stark, wie ich gedacht habe, da muss halt ich einspringen. In einer gelungenen Partnerschaft gibt es so viel Reflexion, dass man weiß, was der Andere kann; aber auch, was er nicht kann. Was man vielleicht auch nicht verlangen kann. Wie gut das gelingt, hängt wesentlich damit zusammen, wie sehr jemand gewohnt ist, Konflikte anzusprechen, zu lösen oder auch mit sich selbst auszumachen. Letztlich gibt es in jeder Konstellation Unähnlichkeiten, und die Toleranz oder die Fähigkeit, etwas als Bereicherung anzusehen, ist es, was zur Weisheit des Liebeslebens gehört.

"Immer nur zusammen zu sein, wird schlicht langweilig." Eva Jaeggi - © Weidinger
"Immer nur zusammen zu sein, wird schlicht langweilig." Eva Jaeggi - © Weidinger

Wie viel "Eigenleben" des Einzelnen verträgt eine Beziehung? Es gibt Therapeuten, die sagen, für eine gelungene Beziehung ist es unerlässlich, dass "Herzangelegenheiten" geteilt werden. Eine gute Partnerschaft würde also bedeuten, dass der Konzertfreund auch einen Partner hat, der mit ihm das Konzerthaus-Abo teilt, und der Naturfreund einen Partner, der mit ihm am Wochenende wandern geht. Was sagen Sie dazu?

Da bin ich natürlich total dagegen. Immer nur zusammen zu sein, wird schlicht langweilig. Ich finde es besser, wenn Paare getrennt in die Welt hinausgehen und dann die erlebte Welt in die Beziehung hineinbringen. So können sie miteinander vergleichen, welche Erfahrungen sie gemacht haben. Ich hasse es, wenn sich die Paare in einer größeren Gesellschaft zusammensetzen. Das ist so was von blöd! Anstatt sich mit anderen Menschen auszutauschen, hockt man im schlimmsten Fall einen Abend lang schweigend nebeneinander. Dabei hätte es die Möglichkeit gegeben, mit anderen Menschen etwas auszutauschen, das man dann wieder besprechen kann. Das sind kleinere Tricks, die man wirklich beherzigen sollte - die eigene Welt in die Partnerschaft hineinbringen! Solange man in jüngeren Jahren berufstätig ist, ergibt es sich meistens von selbst, dass man in unterschiedlichen Welten unterwegs ist. Im Alter, wenn dann der Beruf wegfällt, ist die Gefahr groß, dass man permanent zusammenhockt. Und das Modell Hausfrau-Mutter, das gottseidank nicht mehr so en vogue ist, ist ja ein Modell, bei dem nicht viel passiert! Die Themen erschöpfen sich einfach. So gescheit und kreativ sind die wenigsten Menschen, dass sie dann die wunderbarsten Gespräche miteinander führen.