"Wiener Zeitung": Meine Herren, wie halten Sie es mit der Political Correctness?

Walter Baier: Mich hat immer befremdet, dass bestimmte Formen des diskriminierungsfreien Kommunizierens als politische Haltung erscheinen. Dass man etwa keine antisemitischen Witze erzählt, habe ich mir schon als Zehnjähriger angeeignet - und halte das auch für einen zivilisatorischen Mindeststandard.

Robert Pfaller: Dieses Thema ist aufgekommen, als nach dem Fall des Eisernen Vorhanges der Westen die Idee aufgab, als Gesellschaft auf zunehmende Gleichheit hinzusteuern. Die Idee der Gleichheit wurde verlagert zur Idee der Nicht-Diskriminierung, eine erste neoliberale Verdrehung. Jetzt gibt es Ungleichheit nur mehr in Bezug auf Geschlecht, Rasse, sexuelle Orientierung. Die Fiktion ist, dass man nur diese letzten verbliebenen Ungleichheiten beseitigen müsse, damit es uns allen gut geht und wir alle gleichermaßen glückliche Marktteilnehmer werden können.

Baier: Eine der erstaunlichen Leistungen des Kapitalismus bestand darin, in den 70er und 80er Jahren eine Synthese zwischen den libertären Idealen der 68er Bewegung und einer marktliberalen Vorstellung herzustellen. Da sind zwei Dinge im Begriff des Neoliberalismus artikuliert, die nicht notwendigerweise zusammenhängen. Nämlich die Vorstellung von Freiheit und Emanzipa-tion aus staatlichen Zwängen, mit der Vorstellung, dass das am besten stattfindet, wenn den Kräften des Marktes keine Hindernisse in den Weg gesetzt werden. Der reale Sozialismus ist letztlich daran gescheitert, dass er das innovative Potenzial, das sich in den 70er Jahren entfaltet hat, nicht in die eigene gesellschaftliche Wirklichkeit einpflanzen konnte, während es im Kapitalismus geglückt ist, diese Legierung vorzunehmen.

Neoliberalismus ist heute ein sehr inflationär gebrauchter Begriff. Was meinen Sie genau damit?

Pfaller: Ich meine damit jene Strömung, die in den 70er Jahren begonnen hat mit politischen Deregulierungsmaßnahmen wie Entstaatlichung, Privatisierungen, der Zunahme des spekulativen Kapitals gegenüber dem produktiven Kapital. Seither ist die gesellschaftliche Ungleichheit enorm gewachsen, auch in den reichsten Staaten der Welt. Und die Menschen haben nicht mehr das Gefühl, dass es ihnen morgen besser gehen wird als heute.

Walter Baier: "Die Wirkungsweise des Neoliberalismus besteht darin, dass man sich gar nichts anderes mehr vorstellen kann, außer dass maximaler Eigennutz Garant für Gemeinnutz wäre."   - © Peter Jungwirth
Walter Baier: "Die Wirkungsweise des Neoliberalismus besteht darin, dass man sich gar nichts anderes mehr vorstellen kann, außer dass maximaler Eigennutz Garant für Gemeinnutz wäre."   - © Peter Jungwirth

Baier: Die neoklassische, liberale Ökonomie hat die Welt regiert und in den 20er Jahren ihren Zusammenbruch erlebt. Dadurch wurde deutlich, dass die Idee des Kapitalismus, basierend auf Freihandel, der Bindung der Währungen an den Goldstandard, nicht funktioniert. Der Faschismus war eine Reaktion auf dieses Versagen, aber auch der New Deal und der Sozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich ein Kapitalismusmodell durch, das man als Keynesianisch-wohlfahrtsstaatlich beschreiben kann, mit starken Regulierungen und dem primären Ziel, hohe Beschäftigung und Wachstumsraten sicherzustellen. Dieses System kam Ende der 60erJahre in eine Legitimitätskrise, und dem Kapitalismus gelang etwas, das auch einen Sozialisten fasziniert: Nämlich auf der einen Seite die Freiheitssehnsucht einer ganzen Generation aufzugreifen, die mit den alten Strukturen nicht mehr weiterleben wollte. Es entwickelte sich eine libertär-anarchistische Ideologie. Andererseits geriet der Wohlfahrtsstaat in eine Krise, und nicht mehr Wachstum, sondern Stagnation und Inflation waren die Folgen.