Das habe sich eben so ergeben, meint sie dazu. Und schreibt in dem vor zwei Jahren erschienenen Band "Lisl Baby - ich bin die Sheherazade der Fotografie", in dem sie einen Querschnitt ihres Lebenswerks zusammengefasst hat: "Gerne würde ich sagen, dass am Beginn meiner Karriere als Fotografin ein dramatisches Zeichen stand." Doch keine Vision, kein "Heureka, das ist es!" habe ihr den Weg gewiesen. "Ich bin sicherlich eine Realistin, aber ich bin auch davon überzeugt, dass das Leben erst durch Überraschungen und Zufälle so wirklich schön wird; die langsame Entfaltung von etwas, das natürlich nicht vorauszusehen war und von dem man am Ende des Lebens sagt: ,Also das ist es, worum es geht‘."

Ikonen der Fotohistorie

Als Fotografin habe sie die hinter einer Situation verborgene Wahrheit entdecken können. Dafür ist sie empfänglich und es fasziniert sie bis heute. Ein großer Teil von Lisl Steiners Œuvre ist eine Mischung aus Zeitgeschichte und dem Who’s Who der Sechziger- und Siebzigerjahre. Norman Mailer mit Mutter. Franz Beckenbauer in der Badewanne im Gespräch mit Henry Kissinger. Jacky Kennedy beim Begräbnis von Martin Luther King. Geschockte New Yorker am Times Square nach Kennedys Ermordung. Aber auch die
Toilettenfrau in New Orleans und der Mann, der in Rio die Seilbahn auf den Corcovado steuert. Viele ihrer Bilder gehören zu den Ikonen der Fotogeschichte.

Schwer zu sagen, welche berühmte Persönlichkeit sie nicht vor der Linse hatte. Fidel Castro, Indira Gandhi, Leonard Bernstein, Duke Ellington, Miles Davis, Louis Armstrong und Weltklasse-Ballesterer Pelé sind jedenfalls dabei. Startschuss des Erfolgs: der argentinische Präsident Eugenio Aramburu 1955 beim Fischen.

Gerade erst waren etliche ihrer Fotos im Österreichischen Kunstforum in Bratislava zu sehen. 1999 schenkte sie ihre Zeichnungen und 2004 ihren fotografischen Vorlass der Österreichischen Nationalbibliothek. Dort sind sie elektronisch abrufbar.

Milliarden Sekunden

Zurück zur Blauen Bar in Wien. An dem eingangs geschilderten Novembertag vor wenigen Wochen tauchen laufend kleine Grüppchen auf, um zum 90er zu gratulieren. Freunde, Bekanntschaften, Bewunderer, Weggefährten. Sie trinken ein Glas Sekt, plaudern länger oder kürzer, gehen wieder. Genau so habe sie es gewollt, sagt Lisl, die am liebsten mit allen per Du ist.

"Ich hasse Cocktail-Partys. Alle stehen nur herum und niemand sagt etwas Wichtiges." Besser sei es, an einem Ort zu sein, an dem sie sich wohlfühle. Also in der Blauen Bar, wo sie immer, wenn sie in Wien ist, ihr "Zelt aufschlägt". Den ganzen Tag wird sie hier an ihrem Stammplatz Hof halten und sich Zeit nehmen für Begegnungen und Gespräche. Mitunter beginnen diese mit der Anweisung "Augen zu!" Um den einen oder anderen mit einer auf die Nase geklemmten Mona-Lisa-Karte im Gesicht zu überraschen. Oder mit einer überdimensionalen blinkenden Brille mit "Juhu"-Schriftzug. Scherze macht sie immer noch gerne, ob in der Blauen Bar oder anderswo, die inzwischen 90-jährige Lisl.

Lisl Steiner in der Blauen Bar des Hotel Sacher. - © Stanislav Jenis
Lisl Steiner in der Blauen Bar des Hotel Sacher. - © Stanislav Jenis

Die Fotohistorikerin Anna Auer setzt sich dazu und erzählt, wie Lils Steiner ihr mit Rat und Tat zur Seite stand, als sie in den Neunzigern am Paul Getty Research Center in Los Angeles zur österreichischen Exilfotografie recherchierte. Überall habe sie sie herumkutschiert.