Ein aus den USA angereister Besucher bringt Steiner eine ihrer geliebten folkloristischen Holzschlangen mit und liest der gerade anwesenden Runde seine poetisch angehauchte Glückwunschkarte vor. Er hat Lisls Lebensjahre in Monate, Wochen, Tage, Stunden und Sekunden umgerechnet und wünscht ihr noch unzählige wundervolle Sekunden. Ausgehend von den 2.838.240.000 vergangenen. Wer sich verheddert: Es geht in die Milliarden . . .

Ein junger Fotograf, den sie tags zuvor auf einer Vernissage der Wiener Fotogalerie WestLicht getroffen hat, überreicht ihr eines seiner Bilder mit Widmung. So geht es weiter bis zum Abend, den die Jubilarin im Musikverein ausklingen lässt. Ein Ehrentag im besten Sinn: intim, leise, respektvoll, unspektakulär, abwechslungsreich, lustig. In einem ein wenig aus der Zeit gefallenen Stückchen Wien. Jenem, dem sich Lisl Steiner eng verbunden fühlt.

Ihre Eltern kehrten nach der Emigration nie mehr nach Österreich zurück. Lisl hingegen reist seit über 50 Jahren hierher. "Ich bin eine Wienerin", sagt sie und korrigiert sich sogleich: "Nein, eigentlich eine Weltbürgerin." Sie hat die amerikanische Staatsbürgerschaft, lebt seit 1960 in den USA. Nach zehn Jahren in New York heiratete sie ihren zweiten Mann, den Psychoanalytiker Michael Meyer Monchak, und zog mit ihm ins etwa achtzig Kilometer von Manhattan entfernte ländlich-idyllische Pound Ridge.

Mit ihm, der 1992 verstorben ist, pilgerte sie bei jedem gemeinsamem Wien-Aufenthalt zum Freud-Museum in die Berggasse 19. "Statt in die Kirche gingen wir zu Freud." Sie lacht herzlich.

Vielleicht hat ihr ja die Freundschaft zu Friedrich Gulda die Brücke zurück nach Wien gebaut, wer weiß? Zumindest sorgten die Besuche bei den Guldas für die ersten Heimataufenthalte nach der Emigration. Den berühmten Pianisten traf sie 1949 in Argentinien. Er gab sein erstes großes Konzert im Teatro Colón. Wobei Lisl Steiner im richtigen Moment auf die Kamera drückte. Ein Foto zeigt Gulda schattenhaft von hinten, wie er sich auf sein Klavier zubewegt. Nur ein Millimeter liegt zwischen seiner Gestalt und dem Schatten, den sein Instrument wirft. (siehe Abbildung).

"Das hat das Bild gemacht", kommentiert die Fotografin zufrieden. "In den Fünfzigern gehörte das Teatro Colón in Buenos Aires zu den berühmtesten Opernhäusern der Welt", erzählt sie. Musiker und Dirigenten von Rang kamen per Schiff hierher und traten auf: "Arturo Toscanini, Erich Kleiber, Karl Böhm, Otto Klemperer, Herbert von Karajan oder Wilhelm Furtwängler zum Beispiel."

Rauchfangkehrer-Muse

Sie ist dort vielen Hochkarätern begegnet - die sie natürlich alle fotografiert und gezeichnet hat. "Ich saß oft mit dem Skizzenbuch im Orchestergraben." Damals war sie in erster Ehe mit dem Sohn des Opernregisseurs Otto Erhardt verheiratet. Ihre Freundin, die Schauspielerin Paola Loew, wurde Guldas erste Frau und ging 1953 mit ihm nach Wien. "Ich habe sie einander vorgestellt."