Auch eines ihrer bis heute andauernden fotografischen Lebensprojekte nahm in Wien seinen Ausgang. 1965 war der Erste, dem sie bei einem Spaziergang in der Stadt begegnete, ein Rauchfangkehrer. Sein Foto eröffnet ihre Website www.lislsteiner.com. Seitdem lichtet sie die Rauchfangkehrer Wiens immer wieder ab. Und die wissen das offenbar zu schätzen. "Ich hab schon ganz viele ihrer weißen Kapperln bekommen." Sie sei geradezu deren Maskottchen geworden. Ihre Geburtstagsparty mit 99 Rauchfangkehrern vor 13 Jahren in der Galerie WestLicht war legendär. Und mitunter ist sie Ehrengast am Rauchfangkehrer-Ball. "Der ist unglaublich elegant", lobt sie die jährliche Veranstaltung ihrer liebsten Zunft.

Das andere Langzeit- und Leidenschaftsprojekt sind die Kinder. Mit der Bildchronik "Children of America" begann Lisl Steiner 1959. Zur Finanzierung holte sie damals bei einem Außenministertreffen in Chile eine Unterstützungserklärung ein. "21 Außenminister unterschrieben, das war ein echtes Zugeständnis." Sie hat arme und reiche Kinder fotografiert, in Süd-, Mittel- und Nordamerika, und immer damit weitergemacht. 1979 hat sie den großen Dichter Jorge Luis Borges um ein Gedicht für ihr Projekt gebeten. "Am ersten Tag hat er nein gesagt. Am zweiten Tag war das Nein irgendwie schon kleiner und am dritten Tag hat er die Tür geöffnet und gesagt, ich hab etwas für dich."

Was hat sie an sich, dass sie das Gewünschte häufig erreicht? Lisl Steiner findet es müßig, über so etwas zu spekulieren. Jedenfalls ist es ihr oft gelungen. Punkt. Dabei wirkt sie keineswegs fordernd, eher ausdauernd. Ein kleines Beispiel gibt der Interview- und Fototermin mit der "Wiener Zeitung" im Sacher, zehn Tage vor ihrem Geburtstag. Geduldig posiert und antwortet sie, obwohl sie Warum-Fragen nicht leiden kann, wie sich bald herausstellt. "Solche Fragen kann man oft nicht beantworten", tadelt sie milde. "Die Dinge ergeben sich einfach."

Sie bekommt Lust auf Krautfleckerln. Nur: Der Kellner bedauert. Die wurden vor einiger Zeit von der Karte genommen. Lisl Steiner ist enttäuscht, aber höflich. Was es sonst noch gibt? Okay, etwas anderes ist auch in Ordnung. Der Koch macht die Krautfleckerln dann aber doch. So gut, wie sie sie in Erinnerung hatte. Und ohne dass sie es verlangt hätte. Aber: "Ich wusste, dass es möglich sein wird", lächelt sie verschmitzt und freut sich über die Portion.

Drei Dinge seien wesentlich im Leben, sagt sie. Neugier, Humor und Improvisation. "Wenn ich fotografiere, denke ich nicht nach." Intuition brauche man natürlich schon. "Um den entscheidenden Moment einzufangen, darfst du nur der Voyeur sein und musst dich auf deine Instinkte verlassen." Zu technisch oder zu intellektuell zu sein, würde nur die Kreativität einengen. "Um im Moment zu sein, musst du dich und alles um dich herum vergessen, und auch alles, was du weißt", so ein weiteres Statement aus ihrem Buch. Dass der Fotograf der "Wiener Zeitung" ohne Blitz fotografiert, gefällt ihr. Das habe sie ebenfalls oft gemacht. Man bleibe dann schön unauffällig, käme leichter an die Menschen heran.