Hat sich viel autodidaktisch angeeignet: Georg Vogeler. - © Uni Graz
Hat sich viel autodidaktisch angeeignet: Georg Vogeler. - © Uni Graz

"Wiener Zeitung": Herr Vogeler, Sie haben im Februar den ersten Lehrstuhl für Digitale Geisteswissenschaften an der Universität Graz übernommen. Wie erklären Sie einem Laien, was Digital Humanities (DH) sind?

Georg Vogeler:In den Digital Humanities geht es um die digitale Erschließung von Kulturerbe, konkret bedeutet das zum einen etwa das Einscannen von Archivdokumenten, wie mittelalterlichen Urkunden, oder von Museumsobjekten. Zum anderen geht es aber auch darum, daraus interessante und nützliche Webseiten zu machen. Die digital verfügbaren Dokumente lassen nämlich eine völlig neue Art des Arbeitens zu. Es können etwa automatische Sprach- oder Schriftvergleiche angestellt werden. Aus vielen tausenden Dokumenten kann der Computer nun alle Stücke heraussuchen, die einen gewissen Namen enthalten.

Könnte man den Beginn der DH also vor zehn Jahren mit dem Aufkommen des Phänomens von Big Data ansetzen?

Nein, es ist ein Missverständnis vieler Informatiker, dass sie glauben, erst mit der Möglichkeit großer Datenmengen im Bereich der Geisteswissenschaften arbeiten zu können. Der Begriff Digital Humanities wurde 2005 geprägt, aber die Beschäftigung mit der Frage des Einsatzes des Computers für die Geisteswissenschaften reicht viel weiter zurück. Eines der ersten DH-Projekte ist jenes des Jesuiten Roberto Busa Ende der 1940er Jahre. Er überzeugte den damaligen Vorstandsvorsitzenden von IBM, ihm die nötigen Geräte zur Verfügung zu stellen, um das Gesamtwerk des mittelalterlichen Philosophen Thomas von Aquin mit automatischer Datenverarbeitungstechnik auszuwerten. Heute ist dieser "Index Thomisticus" im Internet zu finden.

Haben Sie nicht Angst, sich selbst wegzurationalisieren? Ihr Schweizer Kollege Frédéric Ka-plan geht davon aus, dass sich Fächer wie Kunstgeschichte komplett verändern werden, da Computer große Mengen an Bildern vergleichen können und dadurch wesentlich rascher zu exakteren Ergebnissen kommen.

Der Computer kann helfen, geplante Prozeduren schneller auszuführen; er versteht aber nichts und ist nur in beschränktem Maße kreativ. Die klassische Hermeneutik, also das Verstehen von Objekten aus der Vergangenheit, sodass neue Erkenntnisse für die Gegenwart entstehen, wird bei menschlichen Experten bleiben. In der näheren Zukunft glaube ich eher, dass sich durch die Digitalisierung die Möglichkeit ergibt, all das besser zu erforschen, was breitere Bevölkerungsgruppen betrifft. Ich denke, das Einzige, wovor der Mensch sich wirklich fürchten muss, ist, dass die Maschine lernt, sich selbst zu reproduzieren und autonom zu agieren.