Selbst wenn es immer den menschlichen "Experten" brauchen wird, werden sich Fächer wie Geschichte durch die neuen Entwicklungen aber doch bestimmt komplett verändern?

Einen wichtigen Einfluss, den die DH auf die Geschichtswissenschaften haben könnten, sehe ich in der Arbeitsweise. Derek John de Solla Price hat in den 60er Jahren beobachtet, dass es zwei Zugänge zum wissenschaftlichen Arbeiten gibt - einen gemeinschaftlichen und einen eher individualistischen. Historiker sind heute im zweiten Bereich angesiedelt: ein Forscher schreibt ein Buch, so könnte man es auf den Punkt bringen. Die Spezialkenntnisse aus den DH werden aber immer erst dann fruchtbar, wenn man mit anderen zusammenarbeitet. Diese Tendenz wird sicher auch auf die Geschichtswissenschaften "überschwappen".

Die Frage, in welchem Ausmaß sich die DH in Österreich eta-blieren werden, scheint momentan noch nicht entschieden zu sein. In anderen Ländern wie beispielsweise Skandinavien ist man bedeutend offener. Gibt es noch Grabenkämpfe auszufechten zwischen den aufgeschlossenen, digital-affinen Geisteswissenschaftern und den eher konservativen, traditionellen Kräften?

Ich würde es nicht so sagen. Grabenkämpfe bedeuten verhärtete Linien, und diese gibt es noch nicht. Es gibt Menschen, die Gründe haben, eher skeptisch und abzuwartend zu sein. Und es gibt solche, die sich durch Neues angeregt fühlen. Außerdem: wir sind in Österreich, es gibt keine Grabenkämpfe! Wir mögen uns alle. Oder umgekehrt gesagt: Ein österreichischer Grabenkampf sieht für einen Deutschen wie ein freundliches Kamingespräch aus.

Aber gibt es nicht doch zumindest Spannungen zwischen einzelnen Fachrichtungen?

Spannungen entstehen weniger durch die verschiedenen Fachrichtungen, als durch das Selbstverständnis als Praktiker oder Theoretiker. "More hack, less yack" ist ein Schlagwort, das sehr gut vermittelt, worin die Differenzen innerhalb der DH-Community liegen. Es wurde 2008 auf einer Konferenz in Amerika von einem Entwickler geprägt. Was er damit sagen wollte, war: Wir haben genug von diesen Geisteswissenschaftern, die immer ihre großen Theorien präsentieren, und dann nichts programmieren können. Natürlich hat sich diese radikale Position der Praktiker mittlerweile geändert. Die DH konnten sich in Amerika in den letzten zehn Jahren nur etablieren, da eben auch darüber theoretisiert werden durfte. Trotzdem spüren wir diesen grundlegenden Konflikt in jedem DH-Projekt: die Praktiker versus die Theoretiker, ein Gegensatz der gerne auch mit "Techniker" versus "Geisteswissenschafter" gleichgesetzt wird.

Nachdem Sie einer der Ersten Ihrer Disziplin sind, stellt sich die Frage, wo Sie Sich Ihr technisches Wissen angeeignet haben - Ihr Quellenberuf ist ja Historiker?