Jein. Das hängt von den Anteilen ab. Wenn eine Person sich immer neu anpassen und orientieren kann, sind diese fluiden Leistungen in ihrem Gehirn relativ groß. Diese Person ist eher unstetig, tut dauernd etwas Neues. So ein Mensch wird seine Persönlichkeit im Alter eher verändern. Hat jemand eher die Power-Funktionen, dann lebt er diese weiter und bleibt bei seinen Rollen und Werten.

Das würde dann aber für eine Dreißigjährige genauso gelten wie für einen Siebzigjährigen.

Genau. Es geht mehr um die Persönlichkeit als um das Alter. Aber im Alter sehen wir, welche Bereiche besonders trainiert wurden. Wenn ich jemand bin, der primär Regeln und Normen eintrainiert hat und denkt: ,So funktioniert die Welt, da kenne ich mich aus, da habe ich Kontrolle!‘, dann bin ich ein Mensch, der sich schwertut, etwas zu verändern, weil er sehr an Stabilität hängt. Bin ich andererseits jemand, der überzeugt ist, dass die Welt Veränderung bedeutet, dann werde ich immer wieder Neues schaffen.

Jeder will alt werden, aber alt sein will keiner . . .

. . . oder alt aussehen. Es gibt eine große Diskrepanz zwischen unserer Lebenserwartung und dem, wie Menschen diese Erwartungen leben. Wir haben einen Jugend- und Schönheitswahn, der Menschen sehr stark unter Druck setzt, sowohl Männer als auch Frauen. Man muss schön sein, Geld haben, sozial integriert, lustig und gut drauf sein, überall mitmachen. Das kann dazu führen, dass Menschen, die ansonsten eigentlich glücklich wären, durch diesen Druck in eine Depression rutschen. Ich bin nicht der Meinung, dass man ihnen dann am besten diesen Lebensstil beibringen muss, sondern ihnen helfen, selbstsicher zu sagen: Ich bin anders als ihr. Ich brauche kein Handy, Tablet oder E-Bike. Ich habe Enkel, züchte in meinem Garten Tomaten und bin glücklich.

Altern wir heute anders als die Generationen vor uns?

Unsere Menschheit hat sich immer wieder verändert. Zu Beginn waren wir Einzelwesen, die hin und wieder jemanden getroffen haben. Erst später gab es die So-zialisationsprozesse. Derzeit sehen wir, das zeigen auch Studien, eine umgekehrte Entwicklung: immer größere Social-Media-Gruppen, die immer unpersönlicher werden, und immer mehr Menschen, die allein oder nur mit einem Haustier leben. Der Anteil der Menschen, die über längere Zeit in Beziehungen leben, sinkt. Das sind Veränderungen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Ob Beziehung oder Job: Früher glaubte man, das, was ich habe, bleibt. Heute wissen wir, dass sich Jobs und Beziehungen ständig verändern. Das Leben ist ein Anpassungsprozess geworden. Das gilt auch für das Alter.

Sie haben mehrere Bücher darüber geschrieben, wie man im Alter geistig fit bleibt. Kann man das Gehirn wirklich trainieren?

Das Gehirn ist durchaus wie ein Muskel, der abbaut, wenn man ihn nicht nutzt. Zur Prävention von Demenz oder auch normaler Vergesslichkeit ist das geistige Training der schon erwähnten Speed-Funktionen ganz wesentlich. Das heißt: Abwechslung, Flexibilität, immer wieder neue Dinge lernen, sich an immer neue Aspekte des Lebens anpassen, neue soziale Kontakte knüpfen und Sport betreiben. Am besten Sportarten, wo ich Kopf, Emotion und den Körper einsetze, wie etwa Tanzen. Oder auch irgendwo hinfahren und bewusst nicht das Navi benutzen, sondern sich selbst orientieren. Oder sich die Einkaufsliste oder Telefonnummern merken. Es gibt Studien, die zeigen, dass sich das Gehirn schon bei Kindern und Jugendlichen verändert, weil wir alles elektronisch speichern und uns nicht mehr viel merken müssen. Wir haben heute eher ein suchendes als ein abrufendes Gedächtnis.