Was halten Sie von Klassikern wie Kreuzworträtsel oder Sudoku?

Die trainieren eher die Power-Funktionen, wobei Sudoku auch die Speed-Funktionen nutzt, während Kreuzworträtsel eher ein automatisiertes Abrufen von gespeicherten Informationen bedeutet. Die sind nicht zu unterschätzen, weil sie die eingeübten Funktionen trainieren. Und weil sie Spaß machen. Auch Emotionen wie Freude oder Erfolgserlebnisse müssen wir sozusagen trainieren! Ich würde also solche Rätsel nicht abwerten, sie aber im Sinne des glücklichen Alterns eher bei Wohlbefinden und Zufriedenheit einordnen - und nicht als Prävention gegen Abbauerscheinungen des Gehirns.

Ich bin jetzt Mitte dreißig und zum Teil ein bisschen vergesslicher als früher. Muss ich mir schon Sorgen machen?

Ich will Ihnen persönlich nicht zu nahe treten, aber dreißig ist das Alter, in dem die Speed-Funktionen abzubauen beginnen. Man merkt, dass man langsamer wird und die Regulationsfähigkeit abnimmt. Wenn man mit zwanzig eine Party feiert, ist man am nächsten Tag wieder fit. Mit dreißig braucht man schon etwas länger. Das ist ein normaler Prozess, den ich aber durch Training verbessern kann. Gleichzeitig muss man aufpassen, sich nicht zu überfordern. Wenn wir zu viel trainieren, überfordern wir das Gehirn - und dadurch wird die Leistung schlechter. Unser Gehirn bringt die beste Leistung in einem mittleren Bereich. Dauernd Höchstleistungen schafft es gar nicht, dann schaltet es ab.

Eines Ihrer Forschungsfelder ist die Demenz. Zwischen Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen entsteht oft ein Konflikt zwischen Autonomie und Sicherheit. Was raten Sie?

Das Problem ist, dass wir genaue Vorstellungen davon haben, was normal ist. Ein Mensch mit Demenzerkrankung wird oft nicht mehr als Mensch gesehen, sondern nur noch als Patient. Dann ergibt sich die unangenehme Situation, dass der Gesunde weiß, was der Kranke braucht. Bedürfnisse werden dann oft nicht erkannt, sondern als Störung empfunden. Ganz oft geht es um Gesundheit. Ein Beispiel: Ein Mensch mit Demenz will nicht gesund essen, sondern eher lustvoll. Die Partnerin findet aber, dass es wegen seiner Krankheit besonders wichtig wäre, dass er gesund isst. Aber Menschen mit Demenz haben genauso ein Bedürfnis nach Autonomie wie Menschen ohne Demenz. Wir müssen noch genauer hinschauen und fragen: wie gefährlich ist das denn tatsächlich? Da müssen wir noch viel Aufklärungsarbeit leisten.

Geht es auch um Persönlichkeitsrechte?

Ja. Jeder Mensch hat das Recht auf Unvernunft. Darum dürfen wir Klettern, Skifahren oder Bungeejumpen. Dieses Recht auf Gefährdung verliert man durch die Demenz nicht, außer die Erkrankung ist derart fortgeschritten, dass die Person Dinge tut, die akut gefährlich sind, wie aus einem Fenster zu klettern. Aber wenn der Mensch einen zweiten Schweinsbraten essen will, dann darf er das. Deshalb rede ich auch von Menschen mit Demenz und nicht von Demenzkranken. Wir müssen sie primär als Mensch sehen und erst dann die Krankheit.