Das müssen Sie erklären, denn für viele sind Pflanzen mindere Wesen.

Wenn wir heute über das Leben und dessen Ursprünge sprechen, denken wir fast ausschließlich an Menschen und Tiere. Doch unsere Welt ist kein zoologischer Garten, sondern vielmehr ein gigantischer botanischer Garten. Jede Pflanze, auf die Ihr Blick fällt, stellt letztlich den Ursprung der Welt dar. Die Pflanzen waren die Ersten auf der Erde und haben das Antlitz der Welt auf einzigartige Weise geformt. Insofern stellt die Erde nicht nur die Bedingung der Möglichkeiten des Lebens dar, sie ist zugleich auch das Resultat des Lebens, das sich auf ihrer Oberfläche entwickelt hat. In dieser Hinsicht ist die Opposition zwischen Lebewesen und Umwelt sinnlos: Was wir Umwelt nennen, ist einfach der Atem anderer Lebewesen. Unser Leben ist ständig das Opfer anderer Lebewesen. Diese Wahrheit ist so offensichtlich, dass mich die Blindheit der Menschen immer wieder überrascht.

Gibt es nicht gute Gründe für diese Ignoranz? Wenn wir Pflanzen als gleichrangige Wesen anerkennen würden, hätte das Konsequenzen. Wir dürften womöglich auch kein Gemüse mehr essen.

Mit dem Thema Ernährung sprechen Sie ein Thema an, das mir am Herzen liegt. Denn insbesondere die Debatte über veganes Essen ist vor diesem Hintergrund eine völlig falsche.

Weil?

Ich möchte den Blick der Menschen darauf lenken, dass Pflanzen Lebewesen sind, die niemanden töten müssen, um zu überleben. Sie sind autotroph, was wörtlich übersetzt so viel bedeutet wie selbsternährend: Sie leben von Luft, Kohlenstoffdioxid, Wasser und von der Energie der Sonne.

Das Studium der Pflanzen und ihrer Lebensweise lehrt uns, dass wir als Menschen nicht umhinkönnen, andere Lebewesen zu töten, wenn wir weiterleben wollen. Ob Sie daher Tiere oder Pflanzen töten, um sich zu ernähren, macht aus meiner Sicht keinen großen Unterschied. Wir können das Problem nicht lösen, indem wir beispielsweise keine Tiere verspeisen. Jeder hat das Recht, auf diese Weise zu handeln, aber es gibt keine moralische Überlegenheit in dieser Haltung: Zu leben heißt das Leben der Anderen in sein eigenes Leben zu verwandeln, und zu essen heißt zu opfern. Denn auch rein pflanzliche Produkte, von denen sich Veganer ernähren - wie etwa Tofu oder Gemüse-Bratlinge -, sind letztlich ein Opfer, das gebracht wird.

Das dürfte eine bittere Pille für Veganer und Vegetarier sein, die hohe moralische Ansprüche an sich selbst haben.

Ja, durchaus. Es mag vielleicht hart klingen, aber meiner Ansicht nach wollen Veganer in erster Linie ihr schlechtes Gewissen besänftigen. Für weit sinnvoller halte ich es, wenn wir den Tatsachen ins Auge sehen und uns unserer Abhängigkeit deutlich bewusster werden, und zwar in einem ganz materiellen Sinne. Die Haltung, um die es dabei geht, ist Demut. Denken Sie beispielsweise an die Luft, die wir beide einatmen. Dabei handelt es sich um ein Abfallprodukt all der Pflanzen, die die Erde bevölkern. Wir leben ständig aus dem Leben der Anderen. Die Luft, die wir einatmen, umgibt und durchdringt uns. Einatmen heißt, dieses fremde Leben in uns kommen zu lassen, die Welt ist in uns, aber wir sind uns dessen kaum bewusst. Umgekehrt verwandelt sich beim Ausatmen der Inhalt unseres Körpers, unser intimstes Leben, wieder in einen Teil der Welt. Zu atmen oder zu essen bedeutet zu erfahren, dass das eigene Leben nicht von dem der Anderen zu trennen ist. Wir konsumieren in jedem Augenblick das Leben der Anderen.