"Kinderkriegen ist zur Industrie geworden"

Robin Lim im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". - © Zinggl
Robin Lim im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". - © Zinggl

Offiziell beziffert die indonesische Regierung die Rate der Kaiserschnitte mit 15,3 Prozent, ideal nach der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation. "Nach unseren Erhebungen sind es jedoch acht von zehn Frauen, die ihr Kind durch einen Kaiserschnitt zur Welt bringen", sagt Lim und berichtet von Legenden, die den indonesischen Frauen aufgebunden werden, etwa von platzenden Augäpfeln oder Erblindungen, wenn die Mütter zu hart pressen.

"Kinderkriegen ist zur Indus-trie geworden und kostet viel Geld, das die meisten Paare nicht haben. Wegen jeder Kleinigkeit werden Mütter im Spital behalten, nur um Profit zu machen. Ein bisschen Blut aus der Vagina bedeutet eine Woche Aufenthalt und bis zu zweihundert Dollar pro Tag." In Indonesien kostet eine gut behütete Geburt so viel wie ein Jahreseinkommen eines durchschnittlichen Arbeiters.

Kommt das Kind also unter professionellen Standards zur Welt, steht eine arme Familie vor dem finanziellen Ruin. Günstigere Alternativen sind Krankenhäuser mit misslichen Zuständen und Hausgeburten. Auch Kaiserschnitte sind teuer, aber immerhin billiger als der Aufenthalt in einer Privatklinik, denn die Geburt verläuft schneller. "Als Hebammen wollen wir den natürlichen Prozess der Geburt beschützen und greifen nur zu technischen Mitteln, wenn es lebensbedrohlich wird", sagt Lim. Ihr Motto: Jede Mutter zählt.

Eine Italienerin fragt, ob Lim je daran gedacht hat, in Pension zu gehen. "Jeden Tag", antwortet sie, zieht die Ärmel ihres Shirts hoch. Blaue Flecken und Kratzspuren auf den Armen kommen zum Vorschein.
"Katzen?", fragt die Italienerin.

"Schlimmer", antwortet Lim, "gebärende Mütter, die kratzen, beißen und schlagen." Stolz zeigt sie die Wunden her. "Ich bin süchtig danach, von Hebammen, Müttern und Kindern umgeben zu sein."

Ein tragischer Zwischenfall machte aus Lim eine Hebamme und führte sie 1993 nach Indonesien. Zu Hause in den USA starb ihre Schwester während ihrer Schwangerschaft an einem Schlaganfall – und mit ihr das ungeborene Kind. Ausgerechnet in jenem Land, "das mehr Geld für Schwangerschaftstechnologien ausgibt als jeder andere Staat der Welt".

Lim suchte eine Auszeit und einen geeigneten Ort, um sich zu sammeln und ihrem Leben einen neuen Inhalt zu geben. Sie fand ihn auf Bali, wo sie mit ihrem Mann und den gemeinsamen sechs Kindern hinzog.

Dort wurde sie mit ihrem siebenten und damit vorletzten Kind schwanger und lernte die Kliniken kennen, in denen arme Indonesierinnen gebären müssen. "Wird eine Frau hier schwanger, erhöht sich im folgenden Jahr ihr Risiko zu sterben um das Dreihundertfache. Oftmals aufgrund von Blutungen nach der Geburt."