Die Robotik weist eine unglaubliche Vielfalt auf, es wird intensiv geforscht und viel investiert. Hat man angesichts dieser Dynamik überhaupt eine Chance, die rasante Entwicklung politisch und gesellschaftlich einzufangen, sie zu kontrollieren?

Wir sollten nicht warten, bis die Technologie da ist. Es ist wichtig, bereits während der Entwicklung bestimmter Technologien die möglichen negativen Konsequenzen vorherzusehen und zumindest abzufedern. Wir nennen das Responsible Robotics oder Responsible Innovation. Das ist kompliziert, aber nicht unmöglich. Und es ist sowieso die einzige Chance, die wir haben. Wir fokussieren unsere Diskussion sehr oft auf die schwierigen Dinge. Das ist wichtig, und deswegen wurde auch der Rat für Robotik ins Leben gerufen. Es ist aber nicht zu übersehen, dass die Technik auch große Fortschritte bringt. Wenn wir jetzt wieder an die Bilderkennung denken, die wir vorhin in einem Negativbeispiel betrachtet haben: Roboter interpretieren Bilder auf manchen Gebieten mittlerweile besser als Menschen. Das kann uns etwa bei der Diagnostik von Krankheiten helfen. Wenn gut ausgebildete Ärzte diese Technologien einsetzen, dann haben Sie ein extrem gutes Mensch-Maschinen-System. Es gibt eine Vielzahl an Szenarien, wo diese Technologien uns das Leben erleichtern, verschönern und vereinfachen, ja sogar verlängern können.

Aber es stimmt natürlich, dass man angesichts der Entwicklung tatsächlich das Gefühl bekommen kann, immer ein wenig hinterher zu hinken. Ich bin trotz allem recht zuversichtlich, dass es möglich sein wird, gut zu gestalten. Und das sieht man zum Beispiel am Thema Industrie 4.0.

Inwiefern?

Die Automatisierung in der Wirtschaft hat nicht mit der Industrie 4.0 begonnen, sondern schon sehr viel früher. Es hat sich gezeigt, dass es klare Grenzen bei der Implementation solcher Systeme gibt. Man kann nicht alles einführen, was man möchte. Fabriken sind soziotechnische Systeme, und sie müssen die Schnittstellen zwischen Menschen und Maschinen nicht nur in rechtlicher, sondern auch in sozialer Hinsicht so organisieren, dass das Zusammenspiel funktioniert.

Was ist dabei besonders wichtig?

Menschen sind soziale Wesen, sie agieren nicht immer rational. Ein Extrembeispiel sind die Robo Rages, die in Kalifornien absichtlich vor selbstfahrende Autos springen. Wenn die selbstfahrenden Autos unter sich blieben, gäbe es kein Problem. Es entsteht aber sofort, wenn Menschen und Maschinen aufeinandertreffen. Viele technische Systeme, die auf dem Papier gut aussehen, können gar nicht so einfach implementiert werden, weil sie auf soziale Systeme treffen, auf Menschen mit ihren Stärken und Schwächen. Und diese Schnittstellen müssen so gestaltet werden, dass das Zusammenspiel wirklich funktioniert.

Deshalb genügt es nicht, nur technische Systeme zu betrachten, wir müssen auch die sozialen und rechtlichen Aspekte im Auge behalten. Erfahrungsgemäß tendieren Technikerinnen und Techniker dazu, nur die Möglichkeiten der Technik zu sehen. Die können aber nur dann realisiert werden, wenn die Technik gut in ein soziales System implementiert wird.