Herr Berger, Sie haben in den 1970er Jahren eine Bilderbuch-Karriere als Schauspieler gemacht und waren auf den wichtigen deutschsprachigen Bühnen zu sehen, u.a. in Basel und Zürich, danach sind Sie Hermann Beil nach Stuttgart und Bochum gefolgt. Was war für Sie ausschlaggebend, dass Sie sich, wie Herr Schottenberg zuvor anklingen ließ, 1980 von der sogenannten etablierten Kultur verabschiedet haben?

"Von Anfang an war nicht Hamlet mein Traum, sondern mich hat vielmehr die Tatsache gereizt, auf einer Bühne zu stehen und Menschen zu faszinieren oder zu verzaubern." - Wolfram Berger. - © Robert Wimmer
"Von Anfang an war nicht Hamlet mein Traum, sondern mich hat vielmehr die Tatsache gereizt, auf einer Bühne zu stehen und Menschen zu faszinieren oder zu verzaubern." - Wolfram Berger. - © Robert Wimmer

Berger: Von Anfang an war nicht Hamlet mein Traum, sondern mich hat vielmehr die Tatsache gereizt, auf einer Bühne zu stehen und Menschen zu faszinieren oder zu verzaubern. Das ist in der "freien Wildbahn" leichter zu erreichen. Dass ich aufgehört habe, liegt an keinem Theaterdirektor, sondern vielmehr am ganzen System. Ich habe mich nicht wohlgefühlt in diesem Kasten, obwohl mir Peymann in Bochum angeboten hatte, dass ich alle meine Sachen auch hier machen könnte. Aber nach wenigen Monaten habe ich gemerkt: Das ist nicht mein Bier, das widerspricht so meinem Leben und außerdem hat alle drei Tage irgendjemand vom Ensemble einen Heulkrampf gehabt in der Kantine. Da habe ich gesagt, ich möchte hier nicht mehr weitermachen und bin stattdessen nach Basel gegangen, habe dort den Boden der Reithalle auslackiert und freie Gruppe gemacht.

Mit anderen Worten: Ihr Freiheitsdrang war größer?

Berger: Lieber einen kleinen Laden haben und schauen, was ich da verkaufe, als in einem großen Laden engagiert sein. Natürlich bin ich gern auf der Bühne gestanden, aber das ganze Getue und Drumherum war mir oft zu viel. Das Theater ist mir zu theatralisch. Aber ich muss sagen, es hat mich schon erstaunt, dass Schotti nun diesen Schnitt gemacht hat. Ich habe selten jemanden getroffen, der so ein Theatertier war wie er, mit aller Freude, Leichtigkeit, Engagement und Wildheit. Diesbezüglich habe ich viel von ihm gelernt.

Schottenberg: Die Liebe zum Theater hattest du doch immer! Das sagst du jetzt nur, weil du etwas Schönes sagen möchtest. Du hast in dir ein Universum, das unendlich ist. Du brauchst kein Theater, kein Bühnenbild, du imaginiert alles. Das ist etwas, was ich auch gerne können würde. Dass du diesen Beruf mit so großer Fantasie und kindlicher Freude immer noch machst, liegt wohl auch daran, dass du unabhängig bist, sozusagen deinen eigenen Gemischtwarenhandel betreibst. Das finde ich wunderschön, das war mir nicht beschieden. Dieses Talent hatte ich nicht.

Sie haben im Laufe Ihres Lebens ebenfalls die verschiedensten Dinge gemacht, haben in den 1980er Jahren das "Theater im Kopf" gegründet, waren Regisseur, Schauspieler, Theaterintendant . . .

Schottenberg: Mich haben Wiederholungen nie interessiert, mich hat immer gereizt, Neues zu beginnen. Und wenn ich das dann gemacht und gekonnt habe, war es wieder Zeit für Veränderung. Das "Theater im Kopf" war am Anfang aufregend, aber als das dann gelaufen ist, habe ich es mit großer Lust weggeschmissen. Die Lust, etwas zu entwickeln, ist das, was mich antreibt und mir den Kick bereitet. Am liebsten hätte ich das Volkstheater ja nur zwei, drei Jahre lang gemacht, aber das ging leider nicht. Ich konnte erst loslassen, als ich wusste, jetzt funktioniert es annähernd so, wie ich mir das vorgestellt hatte.