Berger: Bei mir war es so, dass sich die Dinge, die mir wirklich Spaß bereiten, erst mit der Zeit herauskristallisiert haben. Diese Sachen haben sich einfach verdichtet, angefangen von Lautgedichten, Lesungen, schönen Hörfunkaufnahmen etc.

Herr Schottenberg, Sie schreiben in Ihrem Buch "Von der Bühne in die Welt", dass es nun an der Zeit sei, an sich selbst zu denken und Dinge zu tun, die Sie zuvor noch nie getan haben. Ist es der erste Schritt in diese Richtung, dass Sie nun erstmals als Autor in Erscheinung getreten sind?

"Ich sehe im Theater keinen Spaß mehr und keine Leichtigkeit. Was bleibt, ist Belehrung. Gott, wie langweilig." - Michael Schottenberg. - © Robert Wimmer
"Ich sehe im Theater keinen Spaß mehr und keine Leichtigkeit. Was bleibt, ist Belehrung. Gott, wie langweilig." - Michael Schottenberg. - © Robert Wimmer

Schottenberg: Das Buch war ein glücklicher Zufall. Als ich den Volkstheater-Vertrag beendet hatte, war ich sehr glücklich, das war schöner als nach der Matura, der ganze Ballast war weg. Am nächsten Tag bin ich in den Flieger nach Vietnam gestiegen. Das hatte ich mir schon lange vorgenommen, allein mit Rucksack das Land zu bereisen. Als ich in Frankfurt auf den Anschlussflug gewartet habe, kam mir der Gedanke, ein Reisetagebuch zu führen. Mit der Zeit wurde das Schreiben für mich so etwas wie ein vertrauter Gefährte. Diese Reisetagebücher werden nun eine ganze Buchserie.

Ist Fernweh etwas, das Sie mit Herrn Schottenberg verbindet?

Berger: Ich habe kein Fernweh, weil meine Freundin Ursula Burkert für Ö1 u.a. das Reisefeature "Ambiente" gestaltet. Ich begleite sie oft auf diesen Reisen und dadurch wurde dieses Fernweh mehr befriedigt, als ich es ursprünglich hatte. Ich alleine wäre eigentlich zu faul für Reisen. Nicht umsonst heißt ein Programm von mir: "Vagabunden mit Heimweh", weil ich zwar sehr gerne unterwegs bin, aber dann auch wieder sehr gerne in der Hängematte liege. Aber ich bin ja schon allein deshalb viel unterwegs, weil ich meinen Beruf so aufgeteilt habe, dass ich in der Schweiz meinen Wohnsitz und in Wien meinen Zweitwohnsitz habe. Ich bin eher ein Nomade mit Heimweh.

Schottenberg: Ich bin ein Reisender ohne Heimweh.

Berger: Ich habe auch keine definierte Heimat.

Schottenberg: Ich auch nicht, Wien ist schön, keine Frage, aber ich habe keine Bindung zu Steinen - nur zu Menschen, die mir wichtig sind.

Berger: Ich bin ja aus Graz. Als ich nach Wien gekommen bin, habe ich mich hier oft ein bissl fremd gefühlt. Unlängst bin ich durch Zufall auf ein wunderschönes Buch von Oskar Aichinger gestoßen: "Ich bleib in der Stadt und verreise". In diesem Buch vermittelt er eine Haltung, die mir absolut nahe ist. Von ihm habe ich jetzt ein wenig abgeschaut, dass ich neuerdings sehr viel in Wien herumspaziere und plötzlich entdecke ich so viele reizvolle Geschichten.

Schottenberg: Gegen-Buch: Wolfgang Salomon: "Wien abseits der Pfade". Er ist auch ein Nomade, aber er liebt Wien. Ich war nie verwurzelt mit dieser Stadt, ich bin eher der Ost-Asien-Freak. Ich fühle mich in diesen Ländern wohl. Ich bin, glaube ich, auf einem falschen Kontinent zur Welt gekommen. Ich gehöre eher dorthin. In diesen Ländern gefällt mir so vieles: der Buddhismus, die Farben, der Sonnenstand, das Klima, all das ist für mich eine Wunderwelt. Ich könnte fliegen in ihr, und ich mache das auch.