Das Spannende für mich ist auch, dass ich alleine unterwegs bin. Und da ich nicht mehr so ganz taufrisch bin, stellt sich die Frage: Überstehe ich das überhaupt? Diese Art zu reisen ist anstrengend, ich bin weder mit Chauffeur unterwegs, noch steige ich in Five-Stars-and-more-Hotels ab. Ich nehme den Zug und übernachte in 2-3-Dollar-Schuppen, sehr puristisch. Wenn man auf diese Art reist, kommt es laufend zu interessanten Begegnungen. Man erlebt tausende Geschichten. Und davon handeln meine Bücher. Eigentlich schreibe ich Kurzfilme.

Berger: Da sind wir wirklich wieder seelenverwandt, das wusste ich gar nicht von dir . . . Und kann das absolut nachvollziehen.

Schottenberg: Ich habe mich zum Beispiel auf einer Straße in Saigon einfach an den Straßenrand gesetzt und Menschen beobachtet. Und es sind so schöne Sachen passiert - da sind mir die Tauberln nur so in den Mund geflogen. Man muss nur die Augen aufmachen und die Geschichten an sich heranlassen.

In Ihrem Buch gibt es immer wieder Passagen, die um das Thema Glück kreisen. Beschäftigt Sie diese Frage heute mehr als früher?

Schottenberg: Vielleicht weil ich jetzt erst erfahre, was alles in mir steckt, woran ich Spaß habe, was ich mir zutraue. Ich kann mich nicht erinnern, diese Art von Freiheit, dieses Glücksgefühl, das Wolfi schon lange Zeit erlebt und wovon er auch lebt, was ihn und seine Abende so speziell macht, je erfahren zu haben. Ich beginne die Welt mit neuen Augen zu sehen. Das ist keine pubertäre Phase, auch nicht die berühmte Crisis mit 60, 65. Für mich ist es eine Art Lösen von Fesseln, die ich offensichtlich gar nicht wahrgenommen habe, aber im Nachhinein denke ich mir: Dass ich da nicht schon früher draufgekommen bin! Das macht mich eigentlich sprachlos.

Berger: Ich bin ja in der fünften Pubertät, im Moment.

Schottenberg: Ich komme jetzt grade in die dritte.

Bei Konfuzius heißt es: "Wer ständig glücklich sein will, muss sich oft verändern". Insofern müssten Ihre Chancen, Herr Berger, auf Glücklichsein gut stehen?!

Berger: Absolut! Für mich zählt Veränderung zu den wichtigsten Dingen überhaupt! Alles ist ja sowieso immer gegensätzlich. Verändern heißt ja nicht, dass du die ganze Zeit wirbelst.

Schottenberg:Veränderung hat, denke ich, mit Bewusstsein zu tun: Mut, Risiko, Abenteuer. All das ist uns doch immanent! Wenn man es ausblendet, spürt man sich irgendwann einmal nicht mehr. Hingegen: Wagt man Neues, entdeckt man Dinge, von denen man nicht wusste, dass sie sich in einem verbargen, kommt auch das Selbstvertrauen wieder zurück.

Um nochmals auf Ihre Freundschaft zurückzukommen: Wann bzw. wie haben Sie einander kennengelernt?

Berger: In den 1980er Jahren durfte ich in Wien im Moulin Rouge bei "Warten auf Godot" Regie führen. Michael Schottenberg spielte, neben Toni Böhm, Ludwig Hirsch und Hannes Thanheiser, die Hauptrolle.

Schottenberg: Vor dieser Arbeit haben wir auch schon ein paar Sachen gedreht.

Das heißt, Sie haben sich auf künstlerischem Wege kennengelernt . . .

Berger: . . . und trotzdem sind wir befreundet! "Warten auf Godot" war für mich eine sehr intensive Geschichte. Diese Arbeit im Moulin Rouge bleibt unvergesslich.