Lieben: Elisabeth Orth, die im selben Jahrgang war wie ich, ist durchgekommen.

Wobei Sie ursprünglich als Schülerin ohnehin den Plan hatten, Psychologie zu studieren. Allerdings schreiben Sie in Ihrem Buch, dass Ihnen ein Berufsberater mit dem Argument davon abgeraten hatte, Sie seien für diese Sparte zu sensibel. Ist Sensibilität nicht eine Grundvoraussetzung für eine Psychotherapeutin?

Lieben: Natürlich! Das war ein ziemlich blöder Rat, aber es hat mir trotzdem was gebracht. Hätte ich mit 18 begonnen, Psychologie zu studieren, hätte es im Anschluss daran noch gar nicht die entsprechenden Möglichkeiten für eine Psychotherapie-Ausbildung gegeben. Im Jahr 1955 hat es nur die Analytiker gegeben, keine anderen Ausbildungen. Dann wäre ich also durch die Mühle der Uni getrieben worden und es hätte mir aus den Ohren gestaubt, und dann hätte ich versucht, mit diesem Staubhaufen Leute zu beraten. Mit 25 - lächerlich! Stattdessen habe ich in diesen Jahren viele andere Sachen gemacht: in der Konzertagentur meines Mannes mitgearbeitet, dann habe ich eine Goldschmiedelehre absolviert und meine eigene Werkstätte eröffnet. Erst mit Mitte 30 habe ich begonnen umzusatteln. Das war der richtige Augenblick, erstens weil es bereits andere Methoden gegeben hat, und vor allem, weil ich schon eigene Lebenserfahrung sammeln konnte und ein bisschen gewusst habe, wovon man redet.

Was war Ihr erster Berufswunsch, Frau Maleh?

Maleh: Ich wollte immer Schauspielerin werden, schon als Kind.

Klassische Schauspielerin?

Kabarettistin Nadja Maleh - © Robert Wimmer
Kabarettistin Nadja Maleh - © Robert Wimmer

Ja. Ich sage immer: Wenn man wissen will, was die eigene kreative Goldader ist, dann sollte man sich fragen: Was habe ich als Kind gerne gemacht? Wovon habe ich geträumt? Ich habe als Kind davon geträumt, Schauspielerin zu werden, ich habe gesungen, ich habe gezaubert - all das mache ich jetzt auf der Bühne. Und ich habe als Kind Lehrerin gespielt. Das hat sich ebenfalls insofern verwirklicht, weil ich immer wieder Workshops mache.

Lieben: Was für Workshops sind das?

Maleh: Zum Beispiel Kreativitätsworkshops. Dabei geht es um Selbsterfahrung, um das Ausschöpfen des eigenen Potenzials mit künstlerischen Mitteln, ein bisschen unter dem Motto "Kreativität und Humor für die Bühne des Lebens".

Lieben: Das ist schon sehr therapeutisch. Sie sind eine verkappte Therapeutin!

Maleh: Ja, völlig!

Ist Humor im übergeordneten Sinne auch im Rahmen einer Psychotherapie ein Thema?

Lieben: Ich sage nicht, die Leute sollen humorig sein, aber vor allem in Gruppen kann es passieren, dass am Rande eine kleine Seltsamkeit passiert, wenn sich eine Situation zuspitzt. Dann mache ich eine humorvolle Bemerkung darüber, alle lachen und dem Ganzen ist die Spitze genommen, aber nicht die Tiefe. Die Tiefe kann dann leichter fließen, weil sie nicht so hoch stilisiert wird.