Eine gewisse Situationskomik einzubauen, ist also fast so etwas wie ein therapeutischer Schachzug?

Lieben: Nicht bewusst. Mein Wesen ist so. Ich habe einen ziemlichen Instinkt für Situations- und Sprachkomik. Wenn solche Dinge passieren, kann ich es nicht verhindern, etwas dazu zu sagen. Da müsste man mich aus dem Raum schicken. Aber diese Kommentare sind mir noch nie übel genommen worden. Ich mache mich ja nicht lustig über jemanden, sondern ich zeige nur die lachende Seite, die ja liebevoll ist. Es ist ein liebevolles Lächeln. Und dieses liebevolle Lächeln umfängt ja den Menschen, und die Leute bedanken sich auch sehr oft dafür. Es ist ein Teil meines Arbeitens.

Frau Maleh, es ist kein Geheimnis, dass gerade Künstler aus dem komödiantischen Fach privat mitunter eher ernste Menschen sind. Was ist Ihre Motivation, wenn Sie als Kabarettistin auf der Bühne stehen?

Maleh: Ich denke, als Künstlerin beschäftigt man sich mit seinen Gefühlen, und zwar mit allen. Man malt mit allen Farben von der Palette, nicht nur mit einer. Insofern habe ich mich auch nicht gegen Humor wehren können. Ich bin das einfach. Und genauso bin ich manchmal ernst, traurig, melancholisch, dramatisch. So wie Max Reinhardt gern zitierte: "Nichts Menschliches ist mir fremd". Die ganzen Figuren, die ich auf der Bühne auslebe, das sind alles Teile von mir, die ich manchmal ein bisschen wegrücke. Aber die wollen alle raus! Das Material bin immer ich.

Ist es nicht so, dass jeder Mensch im Grunde seines Wesens viele verschiedene Begabungen und Facetten hat, die einem selbst vielleicht gar nicht so bewusst sind?

Lieben: Ja, das ist der Punkt.

Wäre es Ihrer Ansicht nach ratsam, wenn man sich mehr mit diesen verschütteten Wesenszügen beschäftigen würde?

Lieben: Das macht das Leben, weil jeder gerät einmal in eine Krise. Und die Krise macht es möglich, dass andere Seiten rauskommen oder schon vorhandene Seiten sich wandeln. Die Krise, der Druck, der Schmerz, aber auch wieder die Befreiung davon machen den Menschen vollständiger. Manche Leute leben wirklich nur einen kleinen Ausschnitt ihrer Möglichkeiten, alles andere ist nicht bewusst. Sehr oft sind einzelne Möglichkeiten durch Eltern, Geschwister oder andere wichtige Personen repräsentiert und werden sozusagen nach außen projiziert. Man selbst kommt gar nicht auf die Idee, dass man diese Seiten auch in sich trägt. Aber wenn man mehr gefordert wird, dann findet man das plötzlich in sich und kann dann auch die äußeren Projektionen loslassen und die Menschen rund um sich anders sehen oder auch freigeben.

Das heißt, Veränderung passiert Ihrer Meinung nach am ehesten, wenn schwierige Situationen auftreten. Andernfalls würde man diesen Schritt nicht machen?