Lieben: Leider ja. Man hat ja keinen Grund dazu. Man ändert sich nur, wenn Druck kommt oder eine Aufforderung, also wenn irgendetwas passiert, wo man sich zusammennehmen muss. All diese Situationen machen es möglich, dass innerlich etwas aufgeht und Ungeahntes hervorkommen kann.

Aus welcher Ecke Ihrer Persönlichkeit kommt die Gabe, perfekt unzählige Akzente und Dialekte imitieren zu können? Angefangen von Sächsisch, Indisch, Arabisch . . .

Maleh: Ich bin ja mit verschiedenen Kulturen aufgewachsen. Von meiner Biographie her war nichts normal. Ich habe einen syrischen Papa, eine Tiroler Mutter und noch dazu meine Fantasiewelt. Es war nichts normal und von daher ist für mich so viel möglich. Ich habe mich auch immer für Sprachen interessiert. Wenn wir bei der Familie meines Vaters waren, habe ich Arabisch gesprochen oder bin oft ins Englische oder Französische ausgewichen. Bei der Familie meiner Mutter habe ich Tirolerisch geredet, dann in Wien Wienerisch. Für mich ist es mein Leben lang wichtig, dass ich dort, wo ich gerade bin, mit den Menschen gut kommunizieren, mich verständlich machen kann. Das ist eine Begabung, da kann man nur sagen: danke!

Welche Initialzündung muss passieren, dass Sie sagen: Das ist jetzt der rote Faden für ein neues Programm?

Maleh: Der rote Faden ist immer genau das, was mich gerade bewegt. Dann habe ich die Antennen ausgefahren, immer ein kleines Notizbuch dabei und sammle die ganze Zeit. Mein nächstes Programm, das im Herbst Premiere hat, heißt "Hoppala!", da geht es um Fehler, um Ausrutscher. Momentan habe ich also den Hoppala-Filter - und bin auf dieses Thema sensibilisiert.

Abschließend noch ein Wort zum Thema Authentizität. Ist es Ihrer Erfahrung nach tatsächlich so, dass der Funke nur dann zum Publikum überspringen kann, wenn man als Künstler in seiner Darbietung 100 Prozent authentisch ist?

Maleh: Auf jeden Fall! Ich mache keine großen Aufwärmübungen, bevor ich auf die Bühne gehe, aber ich verbinde mich im Herzen. Das ist eine Sekunde, nur eine ganz kurze Fokussierung. Dann kann alles Mögliche passieren.

Frau Lieben, in Ihrem Buch fällt der Satz "Wenn ich in meiner Herzenstiefe bin, dann spüren das meine Klienten, und wenn wir Glück haben, öffnet sich dann auch ihre Herzenstiefe". Wie darf man das genau verstehen bzw. wie harmoniert in Ihrem Beruf diese Form von Authentizität mit der notwendigen Abgrenzung zu Ihren Klienten?

Lieben: Es gibt deshalb kein Problem mit der Abgrenzung, denn wenn wir in unserem Herzensgrund ruhen, sind wir ganz bei uns. Und wenn wir ganz bei uns sind, dann können wir uns unbeschadet in alle Richtungen öffnen und unser Herz fließen lassen, ohne aus unserer Mitte zu fallen. Am Herzensgrund ist die Kraft des Herzens leicht und scheinbar unerschöpflich.