Wie wirken Berührungen gegen Gewalt?

Neulich waren wir in einer Sonderschule und im Workshop ging es um sehr reale Gewalterfahrungen und Probleme. Die Buben waren untereinander sehr aggressiv. Wir haben versucht, eine neue Atmosphäre herzustellen. Die sind jeden Tag zusammen – und in Wahrheit sind sie ja Freunde. Die Rivalitäten sind oft Inszenierungen. Die Buben waren wirklich dankbar und wollten den Workshop sogar wiederholen. Durch Körperlichkeit öffnet man sich leichter. Und damit sind wir direkt in der Gewaltprävention. Burschen sind untereinander sehr körperlich und fügen sich oft richtig arge Verletzungen zu. Dann heißt es immer: das ist nix, das sind nur blaue Flecken. Die Grenze ist dann, wenn einer einen Bauchstich hat. Aber bis dahin muss es ausgehalten werden.

Kennen Sie das aus Ihrer eigenen Jugend?

Ja, ich habe diese Sozialisation mit Gewalt in meinen Körper eingeschrieben. Ich bin so aufgewachsen. Wir haben uns im Park gegenseitig geschlagen und "nichts geschenkt", wie man so schön sagt. Aber mit dem Älterwerden habe ich als Jugendlicher gemerkt, dass ich mich in einer Gewalttradition befinde und dringend raus muss.

"Rechte sehen den Mann als Opfer des Feminismus. Aber letztlich sind wir alle Opfer des Patriarchats. Gewalt erleben Männer vor allem von Männern", sagt Philipp Leeb. - © Luizia Puiu
"Rechte sehen den Mann als Opfer des Feminismus. Aber letztlich sind wir alle Opfer des Patriarchats. Gewalt erleben Männer vor allem von Männern", sagt Philipp Leeb. - © Luizia Puiu

Wie kam es dazu?

Durch Freunde, die gesagt haben: Es reicht, hören wir auf, uns zu schlagen! Es ist ein reflexiver Prozess gewesen. Ich bin mit zwei großen Brüdern aufgewachsen, da gibt es eine ganz andere Körperlichkeit. Unser Vater ist in ärmlichen Verhältnissen im Krieg aufgewachsen. Gewalt gehörte dazu. Deswegen verstehe ich auch junge Männer, die aus Kriegsgebieten zu uns kommen, die diese Gewalt einfach eingeschrieben haben. Das heißt aber eben nicht, dass sie es nichts Neues lernen können. Und das geht nur durch Beziehungsarbeit. Durch Liebe. Durch Freiheit. Durch Entgegenkommen. Willkommenskultur heißt nicht, dass ich nur Geld und Essen gebe.

Viele haben dafür wenig Verständnis.

Auch die meisten österreichischen Männer haben Gewalterfahrung. Das wird als normal hingestellt, oft hört man: das gehört halt dazu zum Leben. Wenn sie darüber reden, wird es als Schwäche dargestellt. Dabei ist es ein Zeichen von Stärke, wenn man aus so etwas heraustritt und sagt: Da mach ich nicht mehr mit. Aber um Österreich gegenüber fair zu sein: Es hat sich hier schon sehr viel verändert. In Schulen darf nicht mehr geschlagen werden. Wir sind in einer Umbruchsgesellschaft. Als ich vor über zwanzig Jahren mit der Bubenarbeit begonnen habe, bin ich erst pädagogisch herangegangen. Und dann habe ich viel über mich selbst als Mann erfahren. Heute ist die Bubenarbeit ein wichtiger Bestandteil der Pädagogik.