Was bewegt die Buben in Ihren Kursen?

Das ist sehr unterschiedlich und hat viel mit den Lebenslagen zu tun. Wir arbeiten mit afghanischen Flüchtlingen genauso wie mit Schülern von Gymnasien. Oft geht es um den Körper und Sexualität – und da landen wir immer sehr schnell bei der Pornografie. Manche sind sehr offen und erzählen einfach, was sie so sehen. Andere trauen sich nicht, darüber zu sprechen. Die Möglichkeit wollen wir ihnen geben. Ihnen Fragen stellen: Was konsumierst du da? Was macht das mit dir? Ist das die Realität? Wir wollen herausfinden, was sie beschäftigt. Da gibt es viele Missverständnisse. Viele denken, bei Bubenarbeit ginge es vor allem um Gewalt. Natürlich ist das ein genauso zentrales Thema wie Sexualität. Es geht um eigene, echte Gewalterfahrungen zu Hause oder mit den Freunden, aber auch um diese fiktiven Gewalterfahrungen aus Medien, wie diese Bilder vom harten Leben im Ghetto. Da wird viel stilisiert. Dann gibt es noch die Gewalt, die sie tatsächlich ausüben. Da wird viel angedeutet und angegeben. Aber vieles ist auch real. Und dann gibt es noch die strukturelle Gewalt. Darüber wird meistens gar nicht gesprochen.

Was meinen Sie mit struktureller Gewalt?

Im öffentlichen Raum, in der Schule, der gesamte Umgang mit Jugendlichen in Österreich. Was ist ihnen erlaubt? Wie ist der Blick auf sie? Wie partizipativ ist eine Stadt? In Wien gibt es Jugendzentren und Parks, aber trotzdem gibt es einen großen Bedarf an mehr Räumen. Einerseits muss man Mädchen darin unterstützen, dass sie sich nicht ständig Räume erkämpfen müssen. Andererseits muss man Burschen darin bestärken, dass sie auch Räume an die Mädchen hergeben. Burschenarbeit, so wie wir sie machen, ist Arbeiten an der Geschlechtergerechtigkeit.

Es gibt Männeraktivisten – vor allem aus der rechten Szene –, die das ganz anders sehen.

Ja, die sehen den Mann als Sorgenkind und Opfer des Feminismus. Aber im Endeffekt sind wir alle Opfer vom Patriarchat. Gewalt erleben Männer vor allem von Männern.

Männliche Jugendliche gelten vor allem in den Medien meist als Problemfälle, die es zu zivilisieren und kontrollieren gilt.

Gewalt und auch Sexualität werden in den Medien meistens mit geflüchteten Männern assoziiert. Autochthone Jugendliche scheinen keine Sexualität zu haben und nicht gewalttätig zu sein. (Lacht.) Da wird viel Hetze betrieben und auch sehr selektiv berichtet. Hintergrundinformationen gibt es selten. Ein Beispiel ist die neue Statistik "Gewalt an Schulen". Da muss man bedenken, dass es heute nicht unbedingt mehr Gewalt gibt, sondern mehr Anzeigen. Früher gab es auch Gewalt, aber die Diskussion war eine andere und es wurde einfach nicht darüber geredet. Heute gibt es viel mehr Anzeigen als früher. Dass es Gewalt an Schulen gibt, wissen wir schon lange. Dass auch Erwachsene physische und strukturelle Gewalt ausüben, darüber reden wir zu wenig. Wen wollen wir da gegeneinander ausspielen? Wir müssen uns das ganze System anschauen und überlegen, wen wir unterstützen müssen. Aber der Aufhänger in den Medien lautet: 300 Anzeigen in Wien bei 240.000 Schülerinnen und Schülern.