Und letztlich haben Sie von 1988 bis 2005 das Volkstheater 17 Jahre lang geleitet. In dieser Zeit gab es - alle Spielstätten zusammengerechnet - über 400 Premieren. Ein so großes Theater zu führen, ist sicherlich immer ein Balanceakt zwischen den eigenen Vorstellungen und der Tatsache, jeden Abend 1000 Plätze füllen zu müssen. Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?

Am Theater muss man auch einsehen, dass - in künstlerischer Hinsicht - der Reibungsverlust groß sein kann zwischen der Vision und dem Endprodukt. Da ist oft ein Reibungsverlust, der sehr schmerzt. Natürlich gab es auch Flops, manchmal waren wir halb leer, aber unter dem Strich ist es sich am Jahresende immer ausgegangen. Ich hatte mit Rainer Moritz auch einen großartigen kaufmännischen Direktor an meiner Seite.

Sie haben von Anbeginn zeitgenössische Autoren auf den Spielplan gesetzt, was sicherlich ein Wagnis war. Elfriede Jelinek hat einmal in einem Interview gesagt: "Ohne diese Wiener Theaterdirektorin und ihre Dramaturgen wäre ich wohl niemals in Wien aufgeführt worden".

Darauf bin ich auch stolz, weil es zu dieser Zeit kein Theater gab, das so beharrlich und konsequent österreichische Theaterliteratur spielte wie wir. Streeruwitz, Jelinek, Jonke sind in Wien damals nicht gespielt worden!

Stimmt es, dass Sie von einem Besucher einmal fast gewürgt wurden, weil ein Jelinek-Stück am Spielplan stand?

Ja, da hat mich ein Besucher am Parkplatz am Krawattl gepackt und gesagt: Anstatt dass Sie Anzengruber spielen, spielen Sie Jelinek, und unflätig auf Elfriede Jelinek geschimpft. Anzengruber war, als das Volkstheater gegründet wurde, ein Avantgardeautor, der hatte wichtige Themen, aber ich wollte eben die heutigen Autoren mit ihren Themen spielen.

Nun zu einem ganz anderen Thema: Schauspielerinnen, die unter Ihrer Direktion am Volkstheater engagiert waren, haben gesagt, dass sie sich sehr beschützt gefühlt haben und es unter Ihrer Intendanz keine sexuelle Belästigung gab.

Das konnte auch nicht stattfinden! Nicht einmal in den Hirnen der Männer, weil sie gewusst haben, das geht sich da nicht aus. Aber ich weiß, was stattfinden kann und könnte Ihnen jede Menge Geschichten erzählen. Frauen sind oft Freiwild für männliche anarchische, wilde Regisseure und leider auch für manche Direktoren, die mittlerweile alle nicht mehr im Amt sind.

Waren Sie als Schauspielerin selbst von sexueller Belästigung betroffen?

Ich bin eine so rabiate Person, dass jeder eine deutliche Abfuhr gekriegt hat, der sowas probiert hat. Aber alle Schauspielerinnen sind nicht so und haben Angst, ihren Job zu verlieren. Das ist ein sehr heikles Thema. Was oft vergessen wird: Dieses Problem gibt es ja nicht nur am Theater! Das passiert in Kanzleien manchmal genauso wie in Supermärkten. Schlimm ist halt, dass am Theater unter dem Mäntelchen der Kunstausübung gern Missbrauch betrieben wird. Wenn sich die Schauspielerin gegen derlei Attacken wehrt, kann es ihr passieren, dass sie bei der nächsten Probe als so untalentiert hingestellt wird, dass sie umbesetzt wird. Ich denke, auch wenn einem diese ganze Debatte ein bisschen auf die Nerven geht, hat es etwas gebracht. Es wird nicht mehr so leicht etwas Derartiges passieren.