"Wiener Zeitung:" Haben Sie schon die Rede vorbereitet, die Sie am 1. November in Darmstadt bei der Verleihung des Büchner-Preises halten müssen?

Josef Winklers Familie während der Preisverleihung in Wien.
Josef Winklers Familie während der Preisverleihung in Wien.

Josef Winkler: Ich bin eben fertig geworden. Als sich bei mir Mitte Juni an einem Abend um halb zehn am Telefon die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gemeldet hat, habe ich sofort gewusst: Das kann nur der Georg-Büchner-Preis sein. Eine Woche später bin ich vom Großen Österreichischen Staatspreis verständigt worden. Der Kunstsenat hat sich schon im November 2007 für mich entschieden, aber das Ministerium hat mit der Bekanntgabe mehr als ein halbes Jahr gewartet.

Josef Winkler während des "Wiener-Zeitung"-Gesprächs in seiner Wohnung in Klagenfurt (rechts) und während seiner Dankesrede bei der Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises


in Wien (oben).Foto: Robert Strasser(3), Haider (1)
Josef Winkler während des "Wiener-Zeitung"-Gesprächs in seiner Wohnung in Klagenfurt (rechts) und während seiner Dankesrede bei der Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises

in Wien (oben).Foto: Robert Strasser(3), Haider (1)

Vor dreißig Jahren war in der Grazer Zeitschrift "Manuskripte" Ihr erster Text zu lesen - in Schreibmaschinenschrift, faksimiliert abgedruckt, mit dem inzwischen berühmten Anfangssatz: "Die geographische Anatomie unseres Dorfes lässt sich mit einem Kruzifix vergleichen." Haben Sie den Augenblick, in dem Sie in die Literatur eingetreten sind, noch im Gedächtnis?

Als 14-jähriges Kind hab ich mir gedacht - an diese Formulierung kann ich mich ganz genau erinnern -, ich werde eines Tages ein Buch schreiben. Vom Anfang an war für mich klar: Wenn es mir gelingen sollte, ein Buch zu schreiben, geht es dabei nicht um eine Art von Mitteilungsliteratur. Ich habe schon gespürt, es ist ein sehr massiver autobiografischer Fundus da: ein Erleben und Beobachten aus einer Kindheit und Jugend in einem im Winter tief verschneiten, abgeschlossenen Dorf. Was ich mit 15, 16 zu lesen begonnen habe - abgesehen von den dreißig Karl-May-Büchern seit dem neunten Lebensjahr -, war moderne Literatur, speziell die französischen Existenzialisten. Ich habe mir als Eben-erst-erwachsen-Werdender den Luxus leisten können, eine Literatur auszusuchen, die ich eines Tages selber so oder so ähnlich, selbstverständlich aufgebaut auf meiner eigenen Biografie, schreiben möchte. Immer wenn ich das Gefühl gehabt habe, etwas Ähnliches möchte ich machen, hab ich das gelesen. Das hat in mir etwas bewegt.

Haben Sie sich für Gedichte interessiert? Oder Gedichte geschrieben?

Doch, doch, es gibt Gedichte, die sind, so weit ich weiß, unveröffentlicht. Da war ich 20 oder 21 und habe schon an der damaligen Hochschule für Bildungswissenschaften in Klagenfurt gearbeitet. Ich bin für einen Monat nach Perugia zu einem Italienischkurs gefahren und habe das Gesamtwerk von Paul Celan mitgenommen. Die Freude am Lesen der Gedichte von Celan war viel größer als die am Italienischlernen. Ich habe dann eine ganze Reihe von Celan-Imitationen mitgebracht. Davor hat jeder Achtzehn- und Siebzehnjährige seine kitschigen Liebesgedichte geschrieben.

Welche Prosa hat Ihnen das Gefühl einer inneren Verwandtschaft gegeben?

Mich hat immer sehr lyrische Prosa interessiert und, abgesehen von ein paar Romanen von Dostojewski oder Thomas Mann, eher die kleine Form. Und da war ich bei den französischen Existenzialisten, beim "Schatten des Körpers des Kutschers", "Abschied von den Eltern" und dem "Gespräch der drei Gehenden" von Peter Weiss und auch bei den "Hornissen" von Handke. Ich tu nichts anderes in meinen bisher 14 Büchern als ganz, ganz kleine Formen zusammenzumontieren, bis so eine Geschichte daraus entsteht. Das Schreiben passiert mir beim Schreiben, und ich staune dann hinterher selber, was herausgekommen ist. Das ist aber auch das Spannende dabei. Und es beruhigt.

Nach Ihren ersten Romanen, die später als Trilogie mit dem Titel "Das wilde Kärnten" erschienen sind, stand zu vermuten, dass Ihr Thema weiterhin die engste Heimat bleiben würde. Sie ist in allen späteren Büchern allgegenwärtig - obwohl Sie in weite Fernen aufgebrochen sind. Das Fernweh: ein Fluchtreflex?

Schon in jungen Jahren war eine große Sehnsucht da - mit Karl May und den Indianergeschichten und, besonders bildhaft, mit vielen Geschichten aus dem Orient. Es war das auch ein großes Glück, denn so war ich damals im Kopf auch draußen, nicht nur dort drinnen im Dorf. Dort war das Elternhaus, war der Wald, waren die Auen, waren auch die Kirche und der Pfarrhof, und ich hatte einen Ersatzvater, das war der Pfarrer. Später, in der Adoleszenz, bin ich durch die Lektüre aus dem Dorf herausgepurzelt. Mit 25, 26, als ich begonnen habe, die ersten Bücher zu schreiben, bin ich schon nach Rom und nach Venedig gereist.

Was zieht Sie aber auf viele Monate aus dem katholischen Kulturkreis hinaus zu den Hindu-Totenkulten auf den Leichenverbrennungsplätzen am Ganges in Varanasi, die Sie im jüngsten Roman, "Roppongi", beschrieben haben?

Das wirkliche Reisen habe ich erst von meiner Frau kennengelernt, die aus einer bürgerlichen Familie in Nordrhein-Westfalen stammt und als Kind vier Jahre in Indien war. Für unsere Kinder hat sich die Dorfsituation umgedreht. Als die Siri zwei Jahre alt war, war sie bereits in Tokio, jetzt ist sie fünf, sie war bereits zweimal in Indien, sie war bereits zweimal in Mexiko, Kasimir ist jetzt zwölf und war natürlich auch in Tokio, und war bereits dreimal in Indien, und einmal, da war die Siri auch dabei, vor drei Jahren, da waren wir fast vier Monate in Varanasi.