"Wiener Zeitung":In den USA hat man unlängst mit einem 3D-Drucker einen ganzen Affenarm ausgedruckt und ihn erfolgreich einem Versuchstier angenäht. Was kommt als Nächstes: der 3D-Golem?

Roland Stelzer: Das wird hoffentlich noch dauern. Und die Geschichte mit dem Affenarm kann ich jetzt auch nicht bestätigen, ich kenne sie nicht. Eine verwandte Sache sind aber Prothesen aus dem 3D-Drucker, die in den USA von Menschen gefertigt werden, die sich professionelle Hilfen um zehn- oder zwanzigtausend Dollar nicht leisten können. Und diese Prothesen funktionieren. Das zeigt schon die Richtung, in die es geht: Mit etwas Kreativität ist es mit 3D-Druck möglich, als Privater in Fertigungsbereiche vorzudringen, die bisher nur den Großkonzernen vorbehalten waren.

Das heißt, in Zukunft werde ich, wenn die Bremsbeläge in meinem Auto kaputt sind, mir in der Früh schnell welche ausdrucken, bevor ich zur Arbeit fahre?

Bremsbeläge sind vielleicht kein gutes Beispiel, weil die kein besonders individualisiertes Produkt sind und zweitens auch noch von jemand anderem in das Auto eingebaut werden müssen. Aber im Prinzip wird die digitale Fertigung den Konsumenten in die Lage versetzen, Dinge nahezu unbeschränkt digital zu designen und sie dann auch selbst zu fertigen.

Deshalb spricht man ja auch vom "Internet der Dinge". Allerdings ist der 3D-Druck nur eines der digitalen Verfahren. Es gibt auch andere wie Lasercutten oder CNC-Fräsen. Das Entscheidende ist ja auch nicht das Verfahren an sich, sondern die Tatsache, dass diese Geräte, sowohl was den Preis als auch was die Bedienbarkeit betrifft, massentauglich werden. Das ist die große Revolution.

Der große Hype betrifft aber trotzdem vor allem den 3D-Druck. Warum?

Das liegt wohl daran, dass sich unter einem Drucker fast jeder etwas vorstellen kann, unter einer CNC-Fräse aber nicht mehr unbedingt. Und außerdem hat der 3D-Drucker den Vorteil, dass er sehr einfach zu bedienen ist und man damit - jedenfalls in der Theorie - alles, was am Computer darstellbar ist, auch tatsächlich drucken kann. In der Praxis gibt es dann doch Einschränkungen. Die Bauraum-Größe zum Beispiel: Ich kann nur Dinge drucken, die im Bauraum meines Druckers Platz haben. Eine andere Beschränkung sind die Materialien: bestimmte Kunststoffe oder Metallpulver lassen sich sehr gut mit 3D-Druck verarbeiten, andere Materialien wiederum gar nicht. Und nicht jede Form gelingt gleich gut. Wir stehen aber immer noch am Anfang dieser Technologie. Die ersten PCs der späten siebziger Jahre waren ja auch nicht sofort die großen Bringer.

Apropos Materialien: Barilla arbeitet eigenen Angaben zufolge an einem 3D-Drucker für Nudeln. Das Ziel ist, zwanzig Nudeln in einer halben Stunde drucken zu können.

Da möchte ich aber nicht hungrig daneben stehen und warten. Wahrscheinlich ist das ein PR-Gag und ein Zwischenschritt, um zu testen, was vom Material her überhaupt möglich ist. Überlegungen, den 3D-Druck in der Gastronomie einzusetzen, gibt es aber schon länger: zum Beispiel im Konditorei-Bereich, wo man aus Marzipan individualisierte, anlassbezogene Toppings für Torten druckt. Das erscheint mir auch sinnvoller als den 3D-Druck bei Massenprodukten wie Nudeln einzusetzen. Aber auch da könnte man mit dem 3D-Drucker individualisierte Ware nach Kundenwunsch machen.

"Mit etwas Kreativität ist es mit 3D-Druck möglich, als Privater in Fertigungsbereiche vorzudringen, die bisher nur den Großkonzernen vorbehalten waren": Roland Stelzer (r.) im Gespräch mit "W.Z."-Mitarbeiter Piotr Dobrowolski. - © Dobrowolski
"Mit etwas Kreativität ist es mit 3D-Druck möglich, als Privater in Fertigungsbereiche vorzudringen, die bisher nur den Großkonzernen vorbehalten waren": Roland Stelzer (r.) im Gespräch mit "W.Z."-Mitarbeiter Piotr Dobrowolski. - © Dobrowolski

Ein großes Schlagwort, das im Zusammenhang mit dem 3D-Druck immer wieder auftaucht, lautet: Der Konsument wird zum Produzenten. Ist das realistisch? Ich kann mir heute zwar die Kappe für meinen Kuli ausdrucken oder einen Plastikhaken für das Geschirrtuch. Im Geschäft gibt’s das alles aber schneller und billiger.

Außer Sie wollen eine ganz spezielle Kappe. Oder Sie haben einen speziellen Kuli, auf den nur eine bestimmte Art von Kappen passt. Oder Sie haben eine Idee für eine Innovation, die andere auch brauchen könnten, die Idee wird aber von der Industrie nicht umgesetzt, weil sich das erst bei einer Millionenstückzahl rechnen würde. In all solchen Fällen ist der 3D-Druck ideal und da kann der Konsument dann tatsächlich Produzent werden. Und erst recht bei der Entwicklung von neuen Produkten. Mit dem 3D-Druck kann ich ganz günstig Einzelstücke, Prototypen herstellen, ohne dass ich dafür gleich einen Investor bräuchte, der mir erst einmal die Produktionslinie vorfinanziert. Auf der Vertriebsseite ist es ähnlich: Ich kann zuerst den Markt mit Einzelstücken abtesten und erst dann in Serie gehen, wenn sich der Erfolg einstellt. Damit ist eine riesige Kostenbarriere weg, die bisher die Entwicklung von neuen Produkten behindert hat und die dafür sorgte, dass die meisten Innovationen im Kopf ihrer Erfinder geblieben sind und nie den Weg in die Realität geschafft haben.

Digital entwickelt wird allerdings schon lange.

Ja, aber der letzte Schritt hat gefehlt. Man konnte früher nicht schnell und vor allem kostengünstig einen Prototyp fertigen, um zu sehen, wie das Ding in echt aussieht, um dann Anpassungen zu machen, und zwar so lange, bis man wirklich zufrieden war. Jetzt geht das. Wir haben am Wiener "Happylab" eine ganz Reihe solcher Geschichten miterlebt. Einige davon sind am Ende auch ein kommerzieller Erfolg geworden.