"Ich entwarf eine Antenne und fand einen Arzt, der mir diese an den Kopf schraubte." - © Foto: Zinggl
"Ich entwarf eine Antenne und fand einen Arzt, der mir diese an den Kopf schraubte." - © Foto: Zinggl

"Wiener Zeitung": Mr. Harbisson, was ist ein Cyborg?

Neil Harbisson: Cyborg setzt sich aus den Wörtern "Kybernetik" und "Organismus" zusammen. Abhängig davon, wie man "Kybernetik", "Organismus" und "zusammensetzen" interpretiert, bezeichnet man unterschiedliche Dinge und Konzepte als Cyborg. So komplex ist der Begriff geworden - er verliert immer mehr an Bedeutung, da man ihn so weit gestreut verwendet. Ursprünglich wurde der Terminus 1960 kreiert. Manfred Clynes und Nathan Kline bezeichneten damit die Verbindung zwischen dem menschlichen Verstand und Computern oder in anderen Worten, die Erweiterung unserer Sinneswahrnehmung durch Technologie - im Unterschied zur Bionik, wo es um den Zusammenschluss von Körper und Technologie geht. Würde meine Antenne nur mein Leben filmen, wäre ich kein Cyborg, sondern bionisch, aufgrund der Elektronik in meiner Biologie. Dennoch gäbe es keine Kommunikation zwischen der Antenne und meinem Verstand, und meine Sinne werden auch nicht erweitert.

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Bei Cyborgs denken viele an Terminator.

Dabei hat das überhaupt nichts mit dem Ursprung des Wortes oder des Konzepts zu tun. Filme und Bücher haben sehr negativ über die Verbindung zwischen Mensch und Technologie gesprochen und eine Dystopie prophezeit, die dem Bild des Cyborg nachhaltig schadet. Ich hingegen denke sehr positiv über diesen Zusammenschluss.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein Cyborg zu sein, bedeutet nicht, dass sich der Mensch in eine Maschine verwandelt. Ganz im Gegenteil. Cyborgs brauchen keine technischen Hilfsmittel mehr. Technologie als Werkzeug entfremdet uns in Wahrheit von der Natur. Wenn man nun selbst zur Technologie wird, kann man die erweiterten Sinne anwenden, um sich anderen Tierarten verbunden zu fühlen und die Natur von einer anderen Seite kennenzulernen.

Wie groß ist die Tendenz der Menschen, Cyborgs zu werden?

Viele Leute interessieren sich ernsthaft dafür. Wenn es dann so weit ist, merken einige jedoch, dass sie mental doch noch nicht bereit sind. Dennoch gibt es viele Projekte, wo wir Sensoren entwickeln, die vorerst außerhalb des Körpers getragen werden. Bevor es zu einem endgültigen Implantat kommt, ist das ratsam. Wenn man sich daran gewöhnt hat, kann man sich operieren lassen. Es gibt unterschiedliche Projekte: den Magnetsinn, den Seismischen Sinn, den Sinn, um zu erkennen, was hinter einem passiert. Ein Freund hat uns gebeten, einen Sensor zu entwickeln, um seinen Sinn für Humor zu erweitern. Aber das geht einfach nicht.

Warum nicht?

Um einen Sinn zu erweitern, muss ein Organ vorhanden sein. Die Nase für den Geruchssinn, Ohren fürs Gehör etc. Aber es gibt Sinne, für die wir keine Organe haben. Der Sinn für Humor ist einer davon.

Wie viele Cyborgs gibt es?

Das ist genauso unmöglich zu beantworten, wie die Frage, wie viele Männer sich als Frauen fühlen. Es geht dabei auch um Identität.

Inwiefern?

Die einen fühlen sich als Cyborg, auch ohne Implantate. Die anderen sind biologische Cyborgs, da sie diese physische Verbindung zwischen Kybernetik und Organismus haben. Das impliziert aber nicht automatisch, dass sie sich als Cyborg fühlen. Ich bin sowohl physisch als auch mental mit Kybernetik verbunden.


Warum haben Sie sich dazu entschieden, Technologie in Ihren Körper einzubinden?

Das war nie meine Absicht. Ich wollte vielmehr meine Farbwahrnehmung erweitern. (Harbisson ist farbenblind, Anm.) Über die Jahre habe ich dazu mehrere Methoden versucht: Zunächst personifizierte ich Farben mit spezifischen Menschen, an die ich gedacht habe. Danach versuchte ich es mit Musik und gab jeder Farbe eine eigene Note. Mein Piano war wie eine Farbpalette. Als ich Musik studierte, besuchte ich eine Vorlesung über Kybernetik und realisierte, dass Kybernetik die Sinne erweitern bzw. neue Sinne schaffen kann. Ich fragte den Vortragenden, Adam Montandon, ob wir an einem Projekt arbeiten wollen und bald darauf entwickelten wir einen Prototyp, den ich tatsächlich tragen konnte. Aber schließlich wollte ich selbst zur Technologie werden.

Darum bemühten Sie sich um die Antenne?

Der Prototyp bestand aus einem fünf Kilogramm schweren Computer, einer Webkamera und einem Paar Kopfhörer. Äußerst unpraktisch und unangenehm zu tragen. Ich forschte weiter, um ein neues, unabhängiges Körperteil zu schaffen und wurde in der Natur fündig. Viele Tiere, vor allem Insekten, sind mit Fühlern ausgestattet. Warum also nicht auch ich? Ich entwarf eine Antenne und fand einen Arzt, der mir diese an den Kopf schraubte. Auch wenn die Grundstruktur meiner Antenne permanent ist, entwickelt sie sich ständig weiter.

In welcher Form?

Momentan wird die Antenne von einem Magneten betrieben, der alle drei Monate ausgewechselt wird. Das Ziel ist aber, mit meiner eigenen Körperenergie, den Chip intern aufzuladen, damit ich autonom agieren kann. Ich arbeite daran, die Antenne mit meiner Blutzirkulation zu betreiben.

Denken Sie sich all diese Erfindungen selbst aus?

Wir entwickeln die Ideen, da wir haargenau wissen, was wir wollen. Erst dann suchen wir einen Arzt, um unsere Pläne umzusetzen. Leider ist das nicht so einfach. Jedes Spital hat ein bioethisches Komitee, das die Operationen bewilligen muss. Nach wie vor stufen konservative Ärzte unsere Anliegen als gefährlich ein. Sie haben Angst, diese Tür zu öffnen, da sie glauben, damit etwas auszulösen, das außer Kontrolle gerät. Sie fürchten sich vor der Zukunft, nicht vor der Gegenwart.