• vom 03.07.2018, 19:59 Uhr

Doping


Radsport

Tour de Farce




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  • Der Doch-nicht-Ausschluss von Vierfach-Sieger Christopher Froome von der Tour de France sorgt für heftige Kritik von Anti-Doping-Experten. Ist der Radsport zurück in der Doping-Ära?

Der Hauptdarsteller der Schmierenkomödie: Chris Froome darf bei der Tour doch starten.

Der Hauptdarsteller der Schmierenkomödie: Chris Froome darf bei der Tour doch starten.© afp/Guigon Der Hauptdarsteller der Schmierenkomödie: Chris Froome darf bei der Tour doch starten.© afp/Guigon

Paris. (may) War alles nur eine Inszenierung, eine besonders üble Schmierenkomödie, die der Sport- und Weltöffentlichkeit da vorgespielt wurde, um aus dem Dilemma rauszukommen? Am Ende dieses verdächtigen Präludiums zur 105. Auflage der Tour de France sieht jedenfalls alles nach einer Farce aus, bei der nun alle beteiligten Organisationen schlecht aussteigen - ohne es wahrhaben zu wollen. Am meisten beschädigt ist aber der Radsport, der mehr denn je dem Image einer unsauberen Doping-Show anhängt, bei der - man erinnere sich an die Mega-Doping-Chose Lance Armstrong - selbst die Verbände und Organisationen mitorchestrieren.

Dabei begann der erste Akt am Sonntag mit einem Paukenschlag: Gut eine Woche vor dem Start der großen Schleife wurde deren größtes Zugpferd, Vierfach-Triumphator Christopher Froome, handstreichartig von Tour-Veranstalter ASO ausgeladen. Und zwar mit der recht plausiblen Erklärung, dass ein des Dopings verdächtiger Athlet dem Image der Veranstaltung schade. Zur Erinnerung: Beim 33-jährigen Briten war im September 2017 ein erhöhter Wert des Asthmamittels Salbutamol gemessen worden. Und zwar nicht knapp erhöht, sondern um das Doppelte des zulässigen Grenzwertes, was zu einer klaren Leistungssteigerung führt. Doch das fällige Dopingverfahren gegen Froome, bei dessen erstem Tour-Triumph 2013 die auffälligen Kletterzeiten schon Skepsis in der Expertenszene ausgelöst hatten, zog sich dahin. So lange, dass er heuer auch den Giro d’Italia bestreiten - und ihn erstmalig gewinnen - konnte.


Doch kaum war nun der Start-Bann gegen den Sky-Fahrer ausgesprochen, trat flugs der Radsport-Weltverband (UCI), dessen Rolle in der Causa Armstrong immer noch nicht aufgeklärt ist, auf den Plan und verkündete: "Das Anti-Doping-Verfahren gegen Herrn Christopher Froome wurde nun beendet." Womit einem Start am Samstag in Noirmoutier plötzlich nichts mehr im Wege stand, weil die ASO umgehend keinen Imageschaden mehr sah und grünes Licht für Froome erteilte. Über ein Beharren auf dem Verbot wollte Tour-Chef Christian Prudhomme gar nicht erst nachdenken. Außerdem liegt ja auch eine positive Stellungnahme der angeblich über jeden Zweifel erhabenen Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) vor, die den Angaben von Froomes aufmunitionierter Anwälte-Armada folgte. Zitat: "Das Resultat der Probe steht nicht im Widerspruch zu einer Einnahme von Salbutamol innerhalb der zulässigen maximalen inhalierten Dosis", heißt es. Und: "Die Verbotsliste der Wada sieht vor, dass ein Athlet beweisen darf, dass sein abnormales Ergebnis die Folge einer erlaubten Verwendung war, wodurch der Fall nicht als Regelverstoß zu werten ist." Blöd nur, dass früher in ähnlich gelagerten Fällen - etwa bei den italienischen Profis Alessandro Petacchi und Diego Ulissi - eine Sperre noch unumgänglich war. Froome ist nun natürlich "glücklich", seinen fünften Tour-Sieg in Angriff nehmen zu dürfen. Und spielt die Affäre auf das Versehen eines Schwerkranken hinunter: "Ich leide seit meiner Kindheit an Asthma. Ich kenne die Regelungen meiner Asthma-Behandlung genau und benutze den Inhalator nur, um die Symptome innerhalb der erlaubten Grenzen zu behandeln."

Doch im letzten Akt treten nun die gewohnt schonungslosen Doping-Experten auf den Plan, die das ganze Schauspiel entlarven: "Es sieht wie ein abgekartetes Spiel aus: Die Tour droht - die UCI liefert mit Hilfe der Wada", sagte der anerkannte deutsche Pharmakologe Fritz Sörgel. Und er sieht den gesamten Radsport zurückbefördert in eine dunkle Ära: "Der Radsport ist zurück in den Nuller-Jahren. Die gesamte PR-Arbeit nach der Armstrong-Affäre: für die Katz!", polterte Sörgel. Ähnlich klingt sein australischer Kollege Robin Parisotto, der an der Entwicklung der Gesundheitspässe der Radprofis mitgewirkt hatte. "Es ist schwer zu verstehen, dass ein so hohes Niveau von Salbutamol nicht als Manipulation gewertet wird. Es fehlen die Begründungen."

Was machen die Fans?
Allerdings bleibt völlig offen, wie sich das Millionenpublikum entlang der Straßen Frankreichs angesichts des Trauerspiels verhalten wird. "Man kann ernsthaft daran zweifeln, dass die Einstellung des Verfahrens genügt, die Zweifel zu beruhigen, die einige Fans ihm gegenüber hegen", schrieb etwa "L’Équipe". Dem Briten stehen also harte Zeiten bevor, vorsichtshalber hat er sich schon einmal einen Bodyguard zugelegt.




Schlagwörter

Radsport, Tour de France

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Dokument erstellt am 2018-07-03 16:34:47


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