Schweiz gegen Serbien, da war doch was. Vor vier Jahren waren die beiden Mannschaften in der Gruppenphase der WM in Russland aufeinandergetroffen, das Spiel endete mit einem 2:1 der Eidgenossen - und einer Jubelgeste, die sich rasch zu einem handfesten politischen Skandal auswuchs. Die kosovarisch-stämmigen Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri sowie Stephan Lichtsteiner hatten mit ihren Händen den Doppeladler geformt, also jenes Symbol, das die albanische Flagge ziert. Für die beiden selbst nur der emotionale Auswuchs von vernarbten Familiengeschichten: Xhakas Vater war drei Jahre in serbischer Gefangenschaft, wurde gefoltert. Häuser von Verwandten wurden niedergebrannt. Serbien dagegen, das die Abspaltung des mehrheitlich von ethnisch albanischer Bevölkerung bewohnten Kosovo bis heute nicht anerkennt, ortete einen eindeutigen Affront. Die Spieler erhielten Geldstrafen, danach versuchte man sich in Beschwichtigung. In Zukunft, sagte der damalige Vize-Kapitän Valon Behrami, ebenfalls aus Kosovo stammend, werde dies nicht mehr passieren - "weil so ein besonderes Spiel nicht mehr vorkommen wird".

Xherdan Shaqiris Geste 2018 wurde zum Politikum, das bis heute nachwirkt. 
- © getty / Norbert Barczyk

Xherdan Shaqiris Geste 2018 wurde zum Politikum, das bis heute nachwirkt.

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Doch zumindest in Letzterem hat er sich getäuscht. Am Freitag kommt es erstmals seit damals zum Wiedersehen. Noch dazu geht es im abschließenden Gruppe-G-Duell (20 Uhr/ORF 1) um die Frage, wer dem bereits feststehenden Achtelfinalisten Brasilien in die K.o.-Runde folgt. Im Parallelspiel bekommt es die Selecao mit Kamerun zu tun, das ebenfalls noch (theoretische) Aufstiegschancen hat.

Vor dem Treffen mit den Serben bemühte man sich im Lager der Schweizer, die politische Brisanz herunterzuspielen und den Fokus auf das Sportliche zu lenken. Es sei ein Spiel wie jedes andere auch, "eines wie jenes gegen Kamerun und jenes gegen Brasilien", sagt Xhaka. Allerdings darf dies bezweifelt werden. In der Schweiz leben knapp 115.000 kosovarische Staatsangehörige, und auch heuer macht die politische Bedeutung nicht vor der Umkleidekabine halt. Der Weltverband Fifa hat bereits gegen Serbien eine Untersuchung eingeleitet, weil in einer Kabine eine Fahne mit den Umrissen des Kosovo unter den serbischen Nationalfarben zu sehen gewesen sein soll.

Für Serbien wäre es Premiere

Auf (gegenseitige) Provokationen will man sich diesmal aber nicht einlassen, wie Xhaka betont. "Wir sind professionell genug, um uns aufs Fußballspielen zu konzentrieren." Der Kapitän und auch der gegen Kamerun wegen leichten Oberschenkelproblemen fehlende Shaqiri werden heute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit spielen, im Vorfeld wurden die beiden aber bewusst fast komplett von den Medien abgeschirmt. Sie werden auch dann keine Interviews geben, wenn sie gemäß Fifa-Satzung reden müssten, also unmittelbar nach dem Match in der Mixed Zone. Die Strafe, die dadurch droht, nehme man in Kauf, hieß es vom Schweizer Verband (SFV).

Sportlich hat die Schweiz, die mit drei Punkten Gruppenzweiter ist, die bessere Ausgangslage: Bei einem Sieg ist man sowieso weiter, holt die Nati zum Abschluss der Gruppenphase ein Remis, dürfte gleichzeitig Kamerun nicht gegen Brasilien gewinnen. Damit es Serbien als eigenständiges Land in den heutigen Grenzen erstmals in die K.o.-Phase schafft, muss schon etwas mehr passieren. Denn selbst ein Sieg über die Eidgenossen könnte am Ende nicht reichen. Kamerun müsste entweder gegen Brasilien verlieren oder zwar gewinnen, aber seine Tordifferenz relativ zu Serbien verschlechtern. Derzeit liegt das afrikanische Land genau um ein Gegentor weniger vorne.

Für die Truppe von Trainer Dragan Stojkovic, die bisher einen Punkt geholt hat, wäre daher ein hoher Sieg gegen die Schweiz zweckdienlich. Das direkte Duell gegen Kamerun endete 3:3, würde also in keinem Szenario eine Rolle spielen. 2010 in Südafrika und 2018 in Russland war für Serbien schon nach der Vorrunde Schluss.

Die Schweiz erreichte dagegen 2018 wie vier Jahre zuvor in Brasilien das Achtelfinale, in dem dann allerdings das Aus gegen Schweden kam. Im Vorjahr erreichte man bei der EM nach einem dramatischen Elferkrimi gegen Frankreich die Runde der besten Vier. Ein weiteres Happy End gab es dann, ebenfalls vom Punkt, gegen Spanien nicht mehr. So weit will man diesmal noch nicht denken. Denn vorerst wartet Serbien - und damit doch wieder ein in vielerlei Hinsicht "besonderes Spiel".(tamsl/apa/sda)