Ein Kamel braucht keinen Schatten. Egal, wie heiß es ist. Entspannt blickt es umher, während die Sonne vom Himmel brennt. Dass Kamelrennen in Katar bereits am frühen Nachmittag beginnen, ist für die Tiere daher unerheblich. Nur, wo sind die zusehenden Menschen? Hier, im Wüstenort Al-Shahaniya, wo die Rennen stattfinden, gibt es keine Tribünen, keine schattenspendenden Bäume, keine klimatisierten Restaurants. Nur ein kleines gekühltes Häuschen am Ende einer überdimensionalen Asphaltfläche bietet Schutz vor der Sonne.

Erst kurz vor Rennbeginn treffen die Zuschauer ein. Sie parken ihre großen weißen Geländewagen auf der Asphaltfläche und warten in den klimatisierten Autos darauf, dass es losgeht.

Die Rennleitung überprüft jedes Kamel. 
- © Bernd Vasari

Die Rennleitung überprüft jedes Kamel.

- © Bernd Vasari

In der Wüste sind Kamele seit Jahrhunderten gewöhnliche Transportmittel, die sanft schwankend Menschen von A nach B bringen. Bereits die alten Ägypter betrieben Fernhandel mithilfe von Kamelkarawanen. Beladen mit Salz, Elfenbein und anderen Kostbarkeiten schlapften die Tiere mehrere Tage lang stoisch über die sandigen Handelsrouten.

Mit 60 km/h über die Rennbahn

Katar hält an seinem beduinischen Erbe fest, doch in Al-Shahaniya sind Kamele keine biederen Last- und Nutztiere, sondern hochgezüchtete Maschinen mit Schaum vor dem Mund, die mit bis zu 60 km/h über die Rennbahn jagen. Es gibt vier verschiedene Streckenlängen, drei, vier, sechs und acht Kilometer. Heute finden zwölf sechs-Kilometer-Rennen statt. Bis zu 20 Kamele starten gleichzeitig. Sie werden dafür zirka zehn Minuten brauchen.

Die Rennen werden live im Staatsfernsehen übertragen. 
- © Bernd Vasari

Die Rennen werden live im Staatsfernsehen übertragen.

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Der Startbereich ist von Mauern umgeben, die streng gesichert sind. Nur Personen der Rennleitung, Stallburschen und Kamele dürfen sich hier aufhalten. Die Tiere sind nervös und stampfen von einem Fuß auf den anderen. Die Stallburschen haben große Mühe sie im Zaum zu halten. Immer wieder kann sich ein Tier losreißen, läuft im Zickzack ohne sichtbares Ziel durch die Anlage und scheucht dabei alle anderen auf.

Die Rennleitung überprüft jedes Kamel. Sie markieren ihre Hälse mit schwarzen Startnummern und nehmen den Tieren Blut ab, um Betrug vorzubeugen. Es gibt immer wieder Fälle von Besitzern, die ihr Kamel mit Steroiden vollpumpen, erklärt die Rennleitung. Doping sei nicht erlaubt, die Rennen sollen fair sein. Erlaubt ist die Einimpfung von Chips gegen Diebstahl.

Roboter als Jockeys

Anders als bei Pferderennen reiten keine menschlichen Jockeys auf den Kamelen. Auf den Höckern sind stattdessen kleine Roboter befestigt. Die bunten Roboter werden mit einem Lautsprecher und einer Peitsche ausgestattet, die schlaff nach unten baumelt. Per Fernbedienung und Walkie-Talkie werden die Besitzer während des Rennens darauf zurückgreifen.

Nach den Kontrollen werden die Kamele zur Startlinie gebracht. Mehrere Minuten stehen sie dort dicht gedrängt zwischen dem Startvorhang vor ihnen und einem geschlossenen Gatter hinter ihnen. Spannung liegt in der Luft. Von der für gewöhnlich stoischen Art der Tiere ist nichts zu spüren.

Dann geht es los. Der Vorhang geht hoch. In einer Bewegung schleudern die 20 Kamele ihre Köpfe nach hinten, lassen sie nach vorne schnalzen und rennen los als würde es um ihr Leben gehen. Nun wird auch klar, warum es keine Tribünen gibt. Mit dem Startsignal heulen die Motoren der weißen Geländewagen auf, die links und rechts der Rennbahn losstarten. In den klimatisierten Autos hält es die Zuseher nicht lange. Sie hängen aus den Seitenfenstern und drücken sich aus dem Dachfenster empor, um ihr Kamel anzufeuern.

Walkie-Talkie, Peitsche und fliegende Turbane

Sie brüllen in ein Walkie-Talkie, das mit den Lautsprechern der Roboter verbunden ist. Gleichzeitig drücken sie im Stakkato die Fernbedienung, mit der die Peitsche auf dem Kamel in Gang gesetzt wird. Manche Scheichs reißen sich ihre weißen Turbane vom Kopf, die sie aus dem Fenster lehnend, gegen das Auto schlagen. Die dahinrasenden Geländewagen sind längst in eine Staubwolke eingehüllt, die Fahrer drängeln und schneiden die anderen Autos, um den besten Platz neben den galoppierenden Kamelen zu bekommen.

Tradition, Stolz, Reichtum. Die Bedeutung der Kamelrennen ist groß. Auch das Staatsfernsehen fährt mit zwei Kamerawagen die Strecke entlang, die Rennen werden live übertragen. Die Spektakel finden mehrmals unter der Woche von September bis April statt. Geld spielt keine Rolle, die Rennen gelten als "Sport der Scheichs", die Startgebühren sind zwar hoch, die Gewinne dafür umso höher. Ein Siegerkamel ist drei Millionen katarische Riyal wert, etwa 800.000 Euro.

Tribünen gibt es keine, die Zuseher sitzen in ihren Autos. 
- © Bernd Vasari

Tribünen gibt es keine, die Zuseher sitzen in ihren Autos.

- © Bernd Vasari

Der Höhepunkt findet jedes Mal am Ende des Jahres statt. Dann treten unter den Augen des Emirs, Tamim bin Ahmad Al-Thani, die schnellsten Kamele Katars gegen jene aus Kuwait, Bahrain, Oman, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi Arabiens an. Dass in Katar auch die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet, ist dann nebensächlich.