Am Morgen nach dem großen Sieg drehte sich die Welt schon wieder weiter. Zur Rushhour in der Früh funktionierte Tokio wie die geölte Maschine, die diese Riesenmetropole an jedem Tag ist: Menschen quetschten sich in volle Züge, blickten stumm auf ihre Smartphones oder Taschenbücher, um in der beklemmenden Enge niemanden zu stören. Ein Bildschirm, der die nächsten Haltestallen ankündigt, übertrug auch Nachrichtenschlagzeilen in den Zug. Aber Gejubel war nicht zu hören. Die Abgeklärtheit, mit der das Land das für große Teile der Welt überraschende Weiterkommen der japanischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM quittiert hat, war beachtlich.

Womöglich lag es daran, dass das letzte und entscheidende Gruppenspiel gegen Spanien (2:1) um vier Uhr morgens Ortszeit begonnen hatte. Der erste Sieg im ersten Gruppenspiel gegen Deutschland war um zehn Uhr abends japanischer Zeit angepfiffen worden - entsprechend voll waren die Kneipen gewesen und entsprechend laut der Jubel auf den Straßen nach Abpfiff. Aber es gab wohl noch einen anderen Grund für die Nüchternheit am Morgen nach dem Triumph, und der war nach Abpfiff im TV-Sender Abema indirekt zu vernehmen. Grinsend sagte der Kommentator: "Unser Trainer hat doch gesagt, er will für neue Aussichten des japanischen Fußballs sorgen. Das wäre ja jetzt geschafft! Vielleicht kommen wir ja sogar noch unter die letzten Vier."

In anderen Worten: Das Weiterkommen war in Japan quasi eingeplant. Tatsächlich hatte Trainer Hajime Moriyasu als offizielles Turnierziel das Viertelfinale ausgegeben. Jetzt denkt man schon weiter. Die Zeit des Tiefstapelns, das im ostasiatischen Land eigentlich als alte Tugend gilt, ist im japanischen Fußball jedenfalls zu Ende. Ein Viertelfinal-Einzug wäre das beste Abschneiden der nationalen WM-Geschichte. Aber verblüffend ist diese Anspruchshaltung kaum. Tatsächlich dürfte Japan denn auch über den stärksten Kader seiner Geschichte verfügen, dessen Spieler auch körperliche Härte und Zweikampfbereitschaft mitbringen.

Konzept des Kollektivs

Den Fairplaypokal, der im japanischen Fußballmuseum in Tokio in mehrfacher Ausführung von diversen Turnieren mit Stolz präsentiert wird, dürfte Japan diesmal allerdings nicht gewinnen. In der Gruppenphase hat die Mannschaft schon sechs gelbe Karten erhalten - gemeinsam mit Costa Rica die meisten in Gruppe E. Dafür aber fuhr die Mannschaft trotz eines schwachen Spiels gegen Costa Rica den Gruppensieg ein, mit Siegen gegen zwei Truppen, die zumindest zum erweiterten Favoritenkreis auf den WM-Titel gehört haben. Denn zur neuen Härte Japans kommen das gemeinsame Pressen, Umschalten und Verteidigen, was auf einer hohen Kompaktheit und einem starken Kollektiv gründet. Sowohl gegen Deutschland als auch gegen Spanien drehte Japan durch intensive Druckphasen binnen weniger Minuten einen Rückstand in eine Führung um.

Das Konzept des Kollektivs hat Nationaltrainer Moriyasu dabei noch etwas weiter gefasst. Kurz vor dem WM-Start wandte er sich noch mit diesen Worten an die Öffentlichkeit: "Wir brauchen unbedingt die Unterstützung der Fans und des ganzen Landes. Ich bitte Sie, uns mit aller Kraft anzufeuern, mit uns zu kämpfen. Vielen Dank." Und da diese anderswo kontrovers diskutierte Fußball-WM in Japan kaum politisch gedacht wird, sondern praktisch ausschließlich sportlich, machen die Menschen mit. Denn dass Tokio am Freitagmorgen nicht gleich in Feierlaune verfiel, bedeutet nicht, dass die Nationalmannschaft in der Heimat nicht intensiv verfolgt wird.

Achtelfinale gegen Kroatien

Täglich berichten TV-Kanäle aus dem Camp in Katar, Zeitungen machen Tag für Tag mit Jubelgeschichten auf. Am Freitag, direkt nach dem letzten Gruppenspiel, titelte etwa die Tageszeitung "Asahi Shimbun": "Das ist der Beginn einer neuen Geschichte." Der öffentliche Rundfunksender NHK resümierte: "Japan hat Spaniens intensive Angriffe abgewehrt und hielt stand." Das Sensationsblatt "Nikkan Sports" hatte im Titel: "Jetzt schon Danke!" So sahen es auch die nationalen Vertreter im Stadion. "An euch alle: Bravo!", jubelte der 36-jährige Routinier Yuto Nagatomo, der einen Großteil seiner Karriere in der italienischen Serie A verbracht hat. Ritsu Doan, der zur Halbzeit ins Spiel kam und an beiden Toren beteiligt war, rief den Menschen in Japan zu: "Guten Morgen. Danke fürs Einschalten!" Und Kapitän Maya Yoshida erklärte mit offensichtlichem Stolz: "International hat fast niemand auf uns gesetzt. Aber es waren auch so viele Menschen aus Japan hier im Stadion. Das macht uns stärker." Im Achtelfinale geht es gegen Kroatien (Montag, 16 Uhr). Ein Sieg ist eingeplant. Man will schließlich ins Viertelfinale. Mindestens.