Marcus Rashford war nicht nach Zurückhaltung. Gerade hatte England Wales mit 3:0 besiegt, Rashford mit seinen zwei Toren den Grundstein dafür und für den Achtelfinaleinzug der Engländer gelegt. Mit der vasenförmigen Trophäe, die in Katar jedem "Man of the match" verliehen wird, stand er da und wurde gefragt, wer außer ihm die Auszeichnung verdient hätte. "Jude Bellingham", sagte er. "Ich glaube, in zwei oder drei Jahren wird es keinen Zweifel daran geben, dass er beste Mittelfeldspieler der Welt ist."

Bellingham hat sich bei dieser Weltmeisterschaft endgültig in die Riege der Superstars gespielt. Was er seit zwei Jahren im Dress von Borussia Dortmund zeigt, kann in Katar die ganze Welt beobachten. Der 19-Jährige organisiert das Spiel, ist — wie nicht nur sein Treffer im Auftaktspiel gegen den Iran bewies — torgefährlich und trotz seines Alters schon Führungsspieler. Wenn der Senegal im Achtelfinale gegen die Engländer eine Chance haben will (Sonntag, 20 Uhr/ORF 1), muss er Bellinghams Einfluss auf das Spiel unterbinden. Für einen normalen Teenager wäre das wohl zu viel Druck, aber wenn Bellingham in seiner Karriere eines bewiesen hat, dann, dass er einfach nicht ganz normal ist.

Eine Ikone mit 17 Jahren

Das hat auch der Birmingham City FC sehr früh gemerkt. Der Klub in Englands zweitgrößter Stadt bildete Bellingham aus. Mit 14 Jahren spielte er erstmals in der U18, ein Jahr später in der U23, und 38 Tage nach seinem 16. Geburtstag debütierte er für die erste Mannschaft des Zweitligisten. Die "Birmingham Mail" schrieb danach: "Er fühlte sich zuhause. Trotz seines Alters strahlt er am Ball Ruhe aus und führt den Ball beeindruckend eng am Fuß." Ein Jahr später, im Juni 2020, verließ Bellingham England, um 26 Millionen Euro wechselte er nach Dortmund. Obwohl er nur ein Jahr für die Kampfmannschaft Birmingham Citys gespielt hatte, entschied der Klub, Bellinghams Rückennummer, die 22, nicht mehr zu vergeben. "In einer bemerkenswert kurzen Zeit ist Jude eine Ikone geworden, die gezeigt hat, was man mit Talent, harter Arbeit und Hingabe erreichen kann", schrieb der Verein in einer Aussendung.

Es dauerte nicht lange, bis Bellingham seine Spuren hinterließ. In seinem ersten Pflichtspiel erzielte er sein erstes Tor, im vergangenen Oktober trug er nach Ausfällen von Mats Hummels und Marco Reus erstmals die Kapitänsbinde. Dazwischen, im November 2020, kam er erstmals im Teamdress zum Einsatz, nach Theo Walcott und Wayne Rooney war er der drittjüngste Debütant in der Geschichte des Verbands. Bei der EM im Vorjahr war er noch Reservist, jetzt ist er etablierter Teil von Englands jungen Wilden.

Gerade in der Offensive spielen sie Schlüsselrollen. Bellingham ist zu Redaktionsschluss zweitjüngster Torschütze bei der WM, Arsenals Bukayo Saka liegt mit 21 Jahren in der Rangliste auf dem dritten Platz, der 22-jährige Phil Foden von Manchester City auf dem zehnten. Rashford, der mit seinen drei Turniertreffen torgefährlichster Spieler der Engländer ist, ist im Team von Gareth Southgate fast ein Routinier, obwohl auch er erst Ende Oktober 25 wurde.

Die Stars kennt man schon

Bis auf Bellingham spielen sie alle in der Premier League. Es liegt wohl im Wesen des modernen Fußballs, dass sich bei einer WM niemand mehr völlig unerwartet ins Rampenlicht spielt — die Großklubs haben sich die Dienste im Regelfall schon davor gesichert. Der jüngste Torschütze der WM, der Spanier Gavi (18), ist bis 2026 beim FC Barcelona unter Vertrag, sein Landsmann und Teamkollege Ferran Torres (22), der schon zwei Turniertreffer verzeichnete, noch ein Jahr länger. Argentiniens Julian Alvarez (22) wechselte im Sommer zu Manchester City, der Brasilianer Vinicus Junior (22) gehört schon seit Jahren zum Inventar Real Madrids.

Englands Youngsters treffen auf eine senegalesische Mannschaft mit Routine, die Stars Kalidou Koulibaly und Edouard Mendy haben den Dreißiger schon hinter sich. Das gilt auch für Bayern-Stürmer Sadio Mane, den Trainer Aliou Cisse wegen eines entzündeten Wadenbeinköpfchens aber weiter vorgeben muss. Er fehlt dem Team, das in der Gruppenphase einige guten Chancen ungenutzt ließ.

Die Engländer sollten dennoch gewarnt sein: Im Jahr 2022 verlor der Senegal noch kein Spiel, das er nicht verlieren durfte. Die Mannschaft gewann so den Afrika-Cup im Februar und qualifizierte sich im März in Hin- und Rückspiel gegen Ägypten für die WM. Auch die Leistung im entscheidenden Gruppenspiel gegen Ecuador war die bis dahin beste des Turniers.