Marokko hat Mitfavorit Spanien im Achtelfinale der Fußball-WM in Katar sensationell im Elfmeterschießen ausgeschaltet und damit erstmals den Aufstieg ins Viertelfinale geschafft. Die Nordafrikaner schickten die favorisierten Spanier am Dienstag nach defensiver Glanzleistung samt torlosem Remis nach Verlängerung dank Elfmeter-Held Yassine Bounou mit 3:0 nach Hause. Die Truppe von Teamchef Luis Enrique erlebte ein historisches Elfer-Drama.

Damit gelang der Mannschaft von Teamchef Walid Regragui die erste große Überraschung in der K.o.-Phase der laufenden WM. Ausgerechnet Pablo Sarabia, der kurz vor Schluss extra fürs Elfmeterschießen eingewechselt worden war und wenige Sekunden vor Spielende die Stange traf (123.), setzte den ersten Elfmeter für La Roja ebenfalls an die Stange. Auch Carlos Soler und Kapitän Sergio Busquets verloren ihre Nerven und vergaben. Achraf Hakimi ließ die Marokkaner mit einem Panenka-Elfer jubeln.

Spanien scheiterte auch bei letzter WM im Achtelfinale

Zuvor war die Offensive der Spanier an der kompakten Verteidigung der Marokkaner verzweifelt. Die stehen als erstes afrikanisches Team seit Ghana vor zwölf Jahren in einem WM-Viertelfinale und treffen dort am Freitag entweder auf Portugal oder Schweiz, die sich am Dienstagabend noch gegenüberstanden. Die Spanier waren auch vor vier Jahren im WM-Achtelfinale gescheitert, im Elfmeterschießen gegen Gastgeber Russland. Bei der EM im Vorjahr endete ebenfalls keines der drei K.o.-Spiele der Iberer in der regulären Spielzeit.

Vor dem Anpfiff sorgte Enrique mit seiner Aufstellung für eine kleine Überraschung. Rechtsverteidiger Marcos Llorente startete anstelle der beiden Routiniers Cesar Azpilicueta und Dani Carvajal. Beide saßen leicht angeschlagen auf der Bank. Kapitän Busquets bestritt sein 17. WM-Spiel und zog damit als spanischer WM-Rekordspieler mit Sergio Ramos und Iker Casillas gleich. Außerdem wurde Gavi mit 18 Jahren und 123 Tagen zum jüngsten Startelf-Spieler in einem K.o.-Spiel bei einer WM seit Pelé 1958.

Auf der anderen Seite nahm Regragui nach dem 2:1 gegen Kanada nur eine Veränderung vor, seine Elf verteidigte in einem 4-1-4-1 von der ersten Sekunde an kompakt, tiefstehend und physisch präsent. Die großen Massen an marokkanischen Fans unter den 44.667 Zuschauern im Education City Stadium in Al Rayyan bejubelten jede erfolgreiche Aktion ihres Teams frenetisch und begleiteten die langen Ballbesitzphasen von La Roja mit gellenden Pfiffen. Während sich die Spanier lange mühten, die Löcher in der marokkanischen Defensivabteilung zu finden, wurden die Nordafrikaner bei Kontern immer wieder gefährlich.

Keine Tore bis zur Verlängerung

So klopften die Marokkaner durch einen Hakimi-Freistoß (12.) sowie einen Aguerd-Kopfball aus fünf Metern (42.) am Tor der Iberer an, beide Male ging der Ball knapp drüber. Bei einem Weitschuss von Bayern-Profi Noussair Mazraoui musste Spanien-Goalie Unai Simon nachgreifen (33.). Für die Enrique-Elf hatte Marco Asensio mit einem Schuss ans Außennetz aus spitzem Winkel die beste Möglichkeit in der ersten Hälfte (26.). Auch nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild zunächst nicht: Spanien hatte zwar mehr Ballbesitz, doch Marokko präsentierte sich weiter ungemütlich und gewann mehr Zweikämpfe.

Einen Freistoß von Leipzig-Profi Dani Olmo musste Bounou in der 55. Minute wegfausten, es war der erste Schuss der Spanier aufs Tor. Auch nach der Einwechslung von Torjäger Alvaro Morata fehlte dem Favoriten die zündende Idee, zwingende Chancen waren Mangelware. Kurz vor Ende der regulären Spielzeit blockten die Marokkaner in höchster Not einen Schuss von Nico Williams (88.), ein Morata-Kopfball ging weit drüber (91.). Bei einem Olmo-Freistoß musste sich Bounou auszeichnen (95.).

In der Verlängerung hatte Walid Cheddira die Führung auf dem Fuß, Simon konnte den zu zentral platzierten Schuss aber mit dem Fuß parieren (104.). Im Elferschießen blieben die Marokkaner eiskalt, während die Spanier ihre Nerven verloren. (apa)