Als Roger Milla an der Corner-Fahne tanzte und Kameruns "unbezähmbare Löwen" 1990 als Afrikas erster Viertelfinalist in die WM-Annalen eingingen, bescheinigten Experten dem Kontinent eine rosige Zukunft auf der großen Fußballbühne. 32 Jahre musste Afrika aber warten, bis der nächste Meilenstein erreicht wurde. Am Samstag schaffte Marokko mit einem 1:0 über Portugal als erstes Team des Kontinents den Aufstieg in ein WM-Halbfinale.

Marokko hatte es als vierte afrikanische Mannschaft nach Kamerun 1990, Senegal 2002 und Ghana 2010 ins Viertelfinale geschafft. Das Trio war jeweils denkbar knapp am Einzug ins Halbfinale gescheitert. Ein Überblick über Afrikas WM-Erfolge:

1990 in Italien: Angeführt vom charismatischen Roger Milla gewann Kamerun die Vorrundengruppe vor Rumänien, Argentinien und der Sowjetunion und eliminierte im Achtelfinale Kolumbien. Milla schoss die "unbezähmbaren Löwen" mit einem Doppelpack in der Verlängerung (106., 108.) zu einem 2:1. Im Viertelfinale verwehrte Englands Torjäger Gary Lineker den schon greifbaren Aufstieg ins Halbfinale. Nachdem Emmanuel Kunde (61./Elfmeter) und Eugene Ekeke (65.) Kamerun 2:1 voran gebracht hatten, verwandelte Lineker zwei Foulelfmeter (83., 105.) zum 3:2-Sieg der Engländer nach Verlängerung.

2002 in Japan und Südkorea: Senegal eröffnete die an Überraschungen so reiche WM gleich mit einer Sensation. Am Eröffnungstag gewannen die Afrikaner dank eines Treffers von Papa Bouba Diop (30.) gegen Titelverteidiger Frankreich mit 1:0 und warfen letztlich den Weltmeister in der Gruppenphase aus dem Turnier. Im Achtelfinale wurde Schweden dank Golden Goal von Henri Camara (104.) eliminiert, ehe für die Mannschaft um Kapitän Aliou Cisse im Viertelfinale gegen die Türkei nach Golden Goal von Ilhan Manziz (94.) mit 0:1 das Aus kam.

2010 in Südafrika: Ghana schaffte hinter Deutschland, aber vor Australien und Serbien den Aufstieg in die K.o.-Runde. Im Achtelfinale schossen Kevin-Prince Boateng (5.) und Asamoah Gyan (93.) die Ghanaer zu einem 2:1-Erfolg nach Verlängerung gegen die USA. Im Viertelfinale gegen Uruguay führten die Afrikaner dank eines Treffers von Sulley Muntari (45.+2), kassierten durch Diego Forlan (55.) den Ausgleich und erlebten in der Nachspielzeit ein Drama: Asamoah Gyan vergab einen Elfmeter, nachdem Uruguay-Stürmer Luis Suarez ein sicheres Tor per Handspiel verhindert hatte. Im Elferschießen musste sich Ghana schließlich 2:4 geschlagen geben.

Sieger in der starken Gruppe F

2022 in Katar: Marokko reiste mit Stammspielern von Topclubs wie Paris Saint-Germain (Achraf Hakimi), Chelsea (Hakim Ziyech) und Bayern München (Noussair Mazraoui) an und setzte sich in der starken Gruppe F gegen Vize-Weltmeister Kroatien (0:0), den Weltranglisten-Zweiten Belgien (2:0) und Kanada (2:1) als Gruppensieger durch. In der K.o.-Runde eliminierte die Mannschaft von Teamchef Walid Regragui die nächsten Mitfavoriten. Nach torlosen 120 Minuten gegen Spanien wurde Torhüter Yassine Bounou beim 3:0 im Elfmeterschießen zum Helden, mit dem 1:0 im Viertelfinale gegen Portugal durch ein Tor von Youssef En-Nesyri (42.) schrieb Marokko Geschichte und steht als erste afrikanische Mannschaft im Halbfinale. In bisher fünf WM-Partien in Katar hat Marokko nur ein Tor kassiert - und das aus einem Eigentor.

Marokko ist nach den USA bei der ersten WM 1930 und Südkorea beim Heimturnier 2002 erst der dritte WM-Halbfinalist, der nicht aus Europa oder Südamerika kommt. Mit einem Erfolg am Mittwoch gegen Frankreich oder England würde erstmals eine Mannschaft von außerhalb der beiden dominierenden Kontinente in einem WM-Finale stehen. (apa)