Manchester. Es war der Abend des 26. Mai 1999 in Barcelona, und er mündete für die Fußball-Fans in Manchester, eigentlich für die meisten außerhalb Münchens, in einer magischen Nacht. 1:0 hatte der FC Bayern im Finale der Champions League gegen Manchester United bis zur 90. Minute geführt, ehe die wenigen Minuten der Nachspielzeit für die Red Devils reichten, den Deutschen die Hölle heiß und aus der drohenden Niederlage noch einen 2:1-Sieg zu machen. Aus deutscher Sicht wurde jenes Ereignis noch Jahre später die "Mutter aller Niederlagen" genannt. Ihre Väter: Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjaer, die Torschützen für Manchester United in der Nachspielzeit. Heute, nicht ganz 20 Jahre später, erinnern sie sich in Manchester wieder häufiger daran. Denn nach zehn Siegen in seinen elf Pflichtspielen als United-Interimstrainer wird Solskjaer zugetraut, die Mannschaft wieder auf den Fußball-Thron Europas zurückzuführen - und damit nicht nur die lange Durststrecke von Manchester United, das später noch im rein englischen Finale gegen Chelsea 2007/08 im Elfmeterschießen triumphiert hatte, zu beenden, sondern jene von ganz England.

Denn dass die Premier League zwar jene Liga ist, in der durch die TV-Einnahmen und die Investitionen reicher ausländischer Gönner das meiste Geld fließt, sie nun aber schon seit 2011/12 auf einen Champions-League-Sieger aus ihren Reihen wartet, wird auf der Insel als Manko betrachtet, das es schleunigst zu beheben gilt - zumal es durch den bevorstehenden Austritt Großbritanniens aus der EU unklar ist, ob sich nicht auch die monetären Verhältnisse verschieben könnten. Vor den ersten Achtelfinal-Hinspielen, mit denen die Champions League 2018/19 (mit der Einführung des Video-Referees) nach der Winterpause wieder Fahrt aufnimmt, haben aktuell noch vier englische Vertreter die Chance auf den großen Coup; neben United, das den Reigen am Dienstag mit dem Heimspiel gegen Paris Saint-Germain eröffnet (21 Uhr/Dazn), Tottenham, Vorjahresfinalist Liverpool und Manchester City, das am Wochenende mit dem 6:0 gegen Chelsea für Schlagzeilen sorgte.

Dass aus diesem Quartett United am aussichtsreichsten wäre, wäre freilich eine unseriöse Prognose. Und dennoch: Solskjaer hat den Geist seines Vor-Vor-Vor-Vorgängers und Mentors Alex Ferguson aus der Flasche geholt - und damit die Träume im Old Trafford wieder angeregt. Unter dem Norweger hat United zu jenem offensiven Spiel wiedergefunden, das die Zuschauer einst begeisterte und unter José Mourinho ein wenig zu kurz gekommen war; hochveranlagte Spieler wie Paul Pogba und der mit 22 Jahren noch immer junge Anthony Martial zeigen (wieder) ihr Können. Beim 3:0-Auswärtssieg gegen Fulham, mit dem United die Generalprobe für die Champions League souverän gestaltete, glänzten beide als Torschützen und mit einer unter dem streitbaren Ex-Coach kaum gesehenen Spiellaune. "Es geht nicht nur darum, das Lächeln wieder in die Gesichter zu bringen. Aber es ist ein Teil davon", sagt der 45-jährige Solskjaer, der erst Mitte Dezember als interimistischer Nachfolger des zuletzt glücklosen Mourinho bei seinem früheren Verein angeheuert hatte.

Es hätte - so der ursprüngliche Plan - eine Kurzzeitlösung sein sollen, bis zum Ende der Saison wollte man einen neuen Cheftrainer präsentieren. Tottenhams Mauricio Pochettino stand hoch im Kurs, auch (noch) schillerndere Namen wie Zinédine Zidane kursierten in den Medien. Doch nun dürfte sich der vermeintliche Notnagel, der auch von Teilen der Fans trotz seines Status’ als Langzeitstürmer und Sympathieträger nicht unumstritten war, weil sein davor einziges Trainerengagement in der Premier League nicht von Erfolg gekrönt gewesen war, als Dauerlösung in Stellung gebracht haben. Laut englischen Gazzetten hat sich die Vereinsführung bereits entschlossen, Solskjaer auch über den Sommer hinaus zu halten - was auch dessen Wunsch entspricht.

Ein Sieg gegen die ersatzgeschwächten Franzosen - Superstar Neymar ist nur einer der Fehlenden - unter dem angezählten deutschen Trainer Thomas Tuchel oder gar ein Überraschungstriumph ist dafür freilich keine Pflicht. Eine starke Empfehlung wäre es allemal. Und Solskjaer hat schon einmal bewiesen, dass nichts unmöglich ist.