Erleichterte Einreise, unmögliche Ausreise

Obwohl das Turnier seit acht Monaten vorbei ist, sind noch immer Fans im Land, die für die WM angereist sind. "Seit der WM kommen immer wieder Flüchtlinge zu uns, die während des Turniers mit der Fan-ID nach Russland gekommen sind", sagt Varvara Tretyak von der Moskauer Nichtregierungsorganisation "Civic Assistance Committee (CAC)". Mit dem Fanausweis, für den Matchbesuch in den Stadien notwendig, war die Einreise ungewöhnlich einfach. Es reichte, ein Ticket zu haben. Doch skrupellose Unternehmer haben daraus ein Geschäft gemacht. In Nigeria wurden die eigentlich kostenlosen Fanausweise um hunderte Euro verkauft, dazu gab es Flugtickets nach Russland. "Die Geflüchteten haben ganz unterschiedliche Motive. Einige unserer Klienten kommen aus dem Norden Nigerias, wo sie von der Terrorgruppe Boko Haram verfolgt wurden", erzählt Tretyak. "Sie haben die WM als Chance genutzt, um nach Russland einzureisen können."

Doch auch viele derjenigen, die gekommen sind, um tatsächlich die Spiele ihres Nationalteams zu verfolgen, konnten nach den Spielen nicht mehr ausreisen. "Ihre Flugtickets waren ungültig, und sie müssen seitdem in Moskau ausharren", sagt die Menschenrechtlerin. Die russische Polizei will nun alle Menschen, die mit der Fan-ID nach Russland eingereist sind, schnellstmöglich außer Land zu schaffen. "Das ist die oberste Vorgabe des Innenministeriums", sagt Tretyak. Sie berichtet davon, dass ihre Klienten vom russischen Geheimdienst FSB an ihren Adressen aufgesucht und mitgenommen werden. Während des Turniers hätten sich die Polizisten, wie die ganze Gesellschaft, noch ganz anders verhalten. "Es kamen Leute aus den verschiedensten Ländern nach Moskau, sie haben auf den Straßen gesungen, getanzt und gefeiert." Dass der Austausch mit den Fans aus aller Welt einen nachhaltigen Effekt hat, glaubt Tretyak aber nicht. "Im Sommer wurde das Pensionseintrittsalter angehoben. Als die Menschen das nachher bemerkt haben, waren sie wütend. Die Regierung hat dann dafür gesorgt, dass sich die Wut wieder auf Zuwanderer konzentriert", sagt sie. "Die Leute suchen sich ihre Feindbilder."

"Fünfwöchiger
Traum"

Als Feindbilder dienen in Russland auch Schwule und Lesben. Das Meinungsforschungsinstitut Lewada veröffentlichte Ende 2017 eine Studie, wonach 83 Prozent der Bevölkerung gleichgeschlechtliche Beziehungen für verwerflich halten. Nur acht Prozent der Befragten gaben an, dass sie kein Problem mit Schwulen und Lesben haben. Bei Demonstrationen kommt es oft zu Angriffen. In vielen Fällen werden die Kundgebungen im Vorfeld behördlich untersagt. 2013 ist ein Gesetz in Kraft getreten, das positive Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen unter Strafe stellt. "Während der WM wollte sich das offizielle Russland von seiner besten Seite zeigen", sagt Alfred Miniachmetow. Er war während der WM Projektleiter des Diversity Houses in Sankt Petersburg, das als ein "safe space", als sicherer Ort für Menschen aus der LGBT-Community, verschiedene Veranstaltungen anbot. "Die russische Gesellschaft ist leider nicht wirklich offen. Und die Regierung ist alles andere als tolerant", meint Miniachmetow. Eine nachhaltige, gesellschaftliche Veränderung könne auch die WM nicht herbeiführen. Ähnlich sieht das auch Tretyak vom CAC. "Man kann die WM als fünfwöchigen Traum beschreiben", sagt sie. "Es war eine schöne Party, aber danach ist alles wie vorher."