Wolfsburg/Wien. Jedem Abschied wohnt auch immer ein neuer Anfang inne, heißt es; doch bezogen auf die deutsche Fußball-Nationalmannschaft könnte man es eher umgekehrt sehen. Denn der von Teamchef Joachim Löw nach dem Ausscheiden bei der WM, während der Nations League, bei der man den Abstieg hinnehmen musste, und noch mehr in den vergangenen Wochen, die von den Diskussionen rund um die Ausbootung der Ex-Weltmeister Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller und sonstigen Störgeräuschen geprägt waren, proklamierte Neubeginn wurde unübersehbar überlagert vom Abschied. Die Fans hatten in Wolfsburg - der Schauplatz passte zum neuen Sponsor VW und unterstrich den Start der neuen Ära damit auf symbolische Weise - eine Choreographie zu Ehren Boatengs, Müllers und Hummels’ vorbereitet. Über ihren auf den Rängen angebrachten Namen formierten sie sich zum Schriftzug "Danke", während die Start-Elf von Löw, die insgesamt weniger Länderspiele aufwies als die drei Genannten zusammen, am Mittwoch im Testspiel gegen Serbien auf den Platz ging.

Es waren vorerst die einzigen freundlichen Gesten der Zuschauer. In der ersten Hälfte, in der die DFB-Mannschaft fahrig wirkte und sich - mit einer vor Tormann Manuel Neuer ungeordneten Abwehr aus den unerfahrenen Außenverteidigern Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg sowie den Innenverteidigern Niklas Süle und Jonathan Tah - den Gegentreffer durch Frankfurt-Legionär Luka Jović einfing (12.), blieb es lange gespenstisch still auf den Rängen. Dafür gab’s zum Pausenpfiff von ebendort gleich gellende Pfiffe dazu. In der zweiten Hälfte wirkte Deutschland zwar stabiler und - unter anderem durch den bei der WM nicht berücksichtigten Leroy Sané sowie den eingewechselten Marco Reus - spielfreudiger nach vorne, mehr als der Ausgleich durch Leon Goretzka (69.) war aber trotz eines Chancenplus in diesem ersten Länderspiel des Jahres, dem ersten des Jetzt-aber-wirklich-Neubeginns, nicht drinnen. Freilich: Es sind hauptsächlich Phantomschmerzen, die die deutschen Fans derzeit plagen. Die Dankesbekundungen an und die zur Schau gestellte Loyalität zu Boateng, Hummels und Müller hatten einerseits eher mit früheren als in der jüngeren Vergangenheit geleisteten Verdiensten des Trios, das schon bei der WM in Russland nicht überzeugt hatte, zu tun. Zum anderen demonstrierten sie auch eine gewisse Entfremdung zum Team, bei dem man noch nicht so recht weiß, was man vom ihm zu halten hat; noch mehr aber zur Kommunikationsstrategie Löws und des deutschen Fußballbundes.

Unmöglich gibt’s nicht mehr

In Umfragen attestiert ein Gros der Fans - Neubeginn hin, Verjüngung her - Löw schlechten Stil im Umgang mit den verdienten Kräften. Und es fügt sich gut ins verschwommene Bild, dass DFB-Präsident Reinhard Grindel sich einerseits laut eigenen Aussagen eine andere Kommunikation gewünscht hätte, er aber andererseits zuletzt auch suggerierte, es läge an Hummels, Boateng und Müller, bezüglich eines möglichen Abschiedsspiels an den DFB heranzutreten.

Für die EM-Qualifikation jedenfalls ist derlei nicht vorgesehen, er habe den Spielern "klar mitgeteilt", dass er dafür nicht mit ihnen plane, hatte Löw schon bei der Kaderbekanntgabe für das Serbien-Spiel sowie das erste Pflichtspiel gegen die Niederlande am Sonntag (20.45 Uhr) erklärt. Die Diskussionen darüber werden freilich auch in den Tagen bis dahin anhalten, das Spiel gegen Serbien gab trotz einigen guten Ansätzen - die Ansprüche sind niedriger geworden - keinen wirklichen Anlass, sie verstummen zu lassen. Gegen die wiedererstarkten Niederländer wird die junge Mannschaft wohl deutlich mehr bieten müssen, um nicht schon zu Beginn der Qualifikationsphase unter (noch mehr) Druck zu geraten. Die weiteren Gegner in Gruppe C sind Nordirland, Estland und Weißrussland - alles Mannschaften, gegen die Deutschland unter welchen Umständen auch immer Favorit ist. Ein Scheitern in der Qualifikation wäre nicht nur der Papierform nach, sondern vor allem in den Augen der Öffentlichkeit eine Unmöglichkeit. Doch das schien lange auch ein WM-Vorrundenaus, oder eben ein Länderspielkader unter freiwilligem Verzicht auf Hummels, Boateng und Müller. Doch nun ist da eben diese neue Ära, und mit ihr auch eine im deutschen Fußball selten dagewesene Unsicherheit. Denn was diese Ära zu bringen mag, weiß noch keiner richtig einzuordnen. Nach dem Remis gegen Serbien brachte es die "Süddeutsche Zeitung" auf den Punkt: Der Auftakt sei, nun ja, "eher so unentschieden" verlaufen. Zumindest das ist gewiss.