Frankfurt. (art) Es dauerte keine 24 Stunden nach dem Rücktritt von Reinhard Grindel als Präsident des deutschen Fußballbundes, dass nach außen hin wieder so etwas wie Normalität eingekehrt ist. Unter der Leitung von Oliver Bierhoff tagte der Beirat der Direktion "Nationalmannschaften und Akademie", andernorts die Steuerungsgruppe Amateurfußball. Es mag eine unvorhergesehene Koinzidenz gewesen sein, dass beide Gremien am Tag danach - also nachdem der nunmehr schon dritte Präsident des Verbandes binnen sieben Jahren gegangen war - zusammentraten, doch sie offenbart sehr gut die beiden Pole, zwischen denen sich der DFB bewegt - und der im Herbst zu bestimmende neue Chef balancieren muss: hier der Spitzenfußball, dort der Breitensport, dazwischen angesiedelt die deutsche Fußballliga, insgesamt sieben Millionen Mitglieder mit divergierenden Interessen, und zu allem Überdruss das von Grindel nur unzureichend bewältigte Krisenmanagement sowie die Vorbereitung auf die Heim-EM 2024.

Dass es am Ende eine von einem ukrainischen Oligarchen geschenkte Uhr um - laut Grindel - rund 6000 Euro war, über die er stolperte (nachdem ihn zuvor Enthüllungen über angeblich nicht veröffentlichte Zusatzeinnahmen schwer ins Wanken gebracht hatten), entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Hinter der blitzsauberen Fassade des DFB, dieses Vorzeigeverbandes nach außen, dessen positive Entwicklung auch Grindel in seiner Abschiedserklärung hervorhob, bröckelt es aber schon lange. Auch jetzt sprach Liga-Präsident Reinhard Rauball, der bis zum DFB-Bundestag im September interimistisch die Agenden Grindels gemeinsam mit dem zweiten Vizepräsidenten Rainer Koch übernimmt, davon, dass nicht nur ein personeller, sondern auch ein "struktureller Neubeginn" notwendig sei. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" nennt die Zeit reif für eine "Revolution". Doch während immer mehr diesbezüglich Sympathien für das Konzept eines hauptamtlichen Managers an der Spitze entwickeln - der dann, so die vage Hoffnung, auch nicht in die Versuchung käme, für fragwürdige Zusatzeinkünfte die Hand aufzuhalten -, fragen Medien angesichts der Grabenkämpfe der vergangenen Jahre, ob "überhaupt jemand in der Lage (ist), diesen DFB zu führen", wie der "Spiegel" schreibt. Rauball und Koch werden es wohl eher nicht sein, es wäre wohl kaum das geforderte Signal in Richtung Neuaufbruch. Man wolle "einen gemeinsamen Kandidaten von DFB und DFL außerhalb des Präsidiums" suchen, erklärte Koch.

Die Kandidatenliste - sie reicht von Bierhoff über Ex-Teamchefin Silvia Neid bis zu Kickerikonen wie Philipp Lahm - ist ebenso lang wie spekulativ, im DFB selbst wollte man sich dazu nicht weiter öffentlich äußern. Das Tagesgeschäft muss weiterlaufen, auch wenn es intern noch so gärt - auch das ein Drahtseilakt.