Amsterdam. Danny Blind, Frank Rijkaard, Frank de Boer, Clarence Seedorf, Edgar Davids, Patrick Kluivert, Marc Overmars: Diese Namen lassen noch heute Fußballfeinschmecker mit der Zunge schnalzen, schließlich bildeten diese Herren das Grundgerüst der großen Mannschaft von Ajax Amsterdam in den 1990er Jahren. Mit dem unvergesslichen Höhepunkt in Form des Champions-League-Triumphes 1995 in Wien dank eines 1:0-Erfolges über Titelverteidiger AC Milan. Der niederländliche Traditionsklub verfügte damals über einen schier unerschöpflichen Talentefundus, dem in jenem Jahr unter der Leitung von Louis van Gaal der große europäische Coup gelang.

Doch aus der erwarteten jahrelangen Dominanz im internationalen Klubfußball wie Anfang der 70er-Jahre - Johan Cruyff, Johan Neeskens, Horst Blankenburg, Arie Haan Co. holten drei Mal en suite den Meisterpokal - wurde nichts. Schuld daran war auch ein Belgier namens Jean-Marc Bosman, dessen erfolgreiche Klage im Dezember 1995 sukzessive das europäische Transferwesen auf den Kopf stellte. Und in Ajax das wohl größte Opfer fand, weil sich das fast nur aus Eigengewächsen zusammengesetzte Team in alle Himmelsrichtungen zerstreute, die finanzielle Abgeltung zugleich ausblieb und der Amsterdamsche Football Club in der Eliteliga bald nur noch eine Mitläufer-Rolle einnahm. Fast 25 Jahre sollte es dauern, bis die Epigonen von Cruyff, Kluivert und Co. wieder am europäischen Fußball-Thron anklopfen.

Nun heißen die jungen wilden Ajax-Spieler Matthijs de Ligt (19), Frenkie de Jong (21) oder Donny van de Beek (21). Zusammen mit Arrivierten wie Joël Veltman, Dusan Tadić, Lasse Schöne sowie Daley Blind haben sie im Achtelfinale ein kleines Wunder vollbracht, indem sie nach einer 1:2-Heimpleite den Serien-Königsklassensieger Real Madrid im Santiago Bernabéu beim 4:1-Erfolg regelrecht demütigten. Und mit ihrer Spielfreude, dem Offensivgeist und dem Einsatzwillen an große Ajax-Zeiten erinnerten. Dass es nun im Viertelfinale am Mittwoch (21Uhr/Dazn) just gegen jene Mannschaft geht - nämlich Juventus Turin -, die im Champions-League-Finale 1996 in Rom den Höhenflug der Van-Gaal-Elf beendete (1:1 n. V./4:2 i. E.), entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie.

Gegen den italienischen Rekordmeister, der das Finale am 1.Juni in Madrid als conditio sine qua non ausgegeben hat, ist die Mannschaft von Erik ten Hag krasser Außenseiter. Wie so oft. Aber noch mehr, seit sich Superstar Cristiano Ronaldo nach muskulären Problemen fit für den Viertelfinalschlager gemeldet hat und darob Ajax noch mehr gewarnt sein muss. Der 34-jährige Portugiese hat die Champions League schon fünf Mal gewonnen (zuletzt drei Mal in Folge mit
Real) und ist mit 124 Treffern ihr Topscorer. Seine anhaltende Hochform stellte er jüngst im Achtelfinale gegen Atlético Madrid unter Beweis, das er beim 3:0-Heimsieg per Triplepack quasi im Alleingang eliminierte. "Wir sind klarer Außenseiter, aber wir werden unsere Chancen haben", prophezeite Ajax-Coach Erik ten Hag.

Ausverkauf hat begonnen

Dieser muss übrigens bald großflächig umbauen. Für de Jong blätterte der FC Barcelona (am Mittwoch zu Gast in Old Trafford/21Uhr, Sky) bereits sagenhafte 86Millionen Euro hin; und mit de Ligt wird wohl die zweite heiße Ajax-Aktie ab Sommer für die Katalanen spielen. ÖFB-Verteidiger Maximilian Wöber ist bereits seit Jänner weg (für 10,5 Millionen zu Sevilla). Der Ajax-Erfolg hat eben seinen Preis. Diesmal scheint er sich aber für den Klub auch auszuzahlen.