Barcelona. Während der eine Superstar traf, jubelte und am Ende den silbernen Henkelpokal in den Nachthimmel streckte, hieß es für den anderen bereits im Urlaub entspannen und zusehen (oder wegsehen), wenn sich andere die wichtigste Trophäe im Klubfußball schnappten. Während Cristiano Ronaldo also in den vergangenen drei Champions-League-Saisonen mit Real Madrid stets den Titel holte, musste just Erzrivale FC Barcelona mit Lionel Messi schon im Viertelfinale die Segel streichen. Drei unerklärliche Aussetzer des Titelfavoriten (gegen Atlético Madrid, Juventus und die AS Roma) lassen vor dem Dienstagschlager naturgemäß die Frage aufkommen, ob sich die Katalanen im Viertelfinalrückspiel wieder eine solche Schwäche erlauben, die dem Potenzial des Klubs eigentlich nicht gerecht wird.

Und weil der Gegner am Dienstag (21 Uhr/Sky) bekanntermaßen Manchester United und der Schauplatz Camp Nou heißt, steht über diesem Duell die große Frage: Ende des Fluchs oder wieder ein Wunder? Viertelfinalfluch der einen vs. Dacapo eines Champions-League-Mirakels in der Kathedrale der Blau-Karminroten? Denn die größte Story, die die Champions League in bisher 27Jahren geschrieben hat, war die Finalnacht von Camp Nou am 26. Mai des Jahres 1999 - als die roten Teufel dem FC Bayern den sicher geglaubten Triumph in der Nachspielzeit noch entrissen. Nicht nur, dass der damalige Siegtorschütze Ole Gunnar Solskjaer nunmehr das Gästeteam als Trainer anführt, reicht diesem nach dem 0:1 in Old Trafford wie vor 20Jahren neuerlich ein 2:1-Erfolg zur Glückseligkeit.

Die Wahrheit freilich liegt auf dem Platz des Hier und Jetzt, weshalb insbesondere die Briten Interesse haben, den alten Geist des Triumphes von Barcelona auferstehen zu lassen. Denn das, was die Red Devils vor gut einer Woche im Hinspiel geboten haben, war spielerisch wie emotional meilenweit von einem Wunder entfernt, zumal in 90 Minuten kein einziger Torschuss abgefeuert wurde. Ähnlich schwach agierte Manchester freilich schon eine Runde davor gegen Paris St. Germain (0:2), ehe auswärts ein überraschender 3:1-Sieg folgte. Und weil sich Solskjaer mit Wundern auskennt, beschwor er vor dem Tanz mit Barça nicht nur den Geist von 1999, sondern auch jenen vom "Wunder von Paris" vor wenigen Wochen: "Die Vorstellung in Paris gibt uns Hoffnung, es schaffen zu können", meinte der Norweger. "Barcelona verliert normalerweise nicht zu Hause, aber wir können dafür sorgen."

"Schmetterlinge im Bauch"

Für den 46-Jährigen ist die Rückkehr an die Stätte seines größten Triumphes ein ganz spezielles Ereignis: "Ich werde Schmetterlinge im Bauch haben und kann es kaum erwarten, bis es losgeht. Das ist die größte Bühne." Und seine Spieler wird er mit den Erinnerungen von damals noch extra heißmachen: "Wir werden diese Bilder im Kopf haben, wie er das Tor gefeiert hat, den Jubel von Sir Alex Ferguson", erklärte sagt Mittelfeldspieler Juan Mata. Solskjaer werde in seiner Ansprache "sicher davon erzählen - und wir werden versuchen, den United-Fans dort eine weitere großartige Nacht zu bescheren". Doch Topstar Romelu Lukaku warnte auch vor zu viel Mythenschwärmerei: "Barça ist nicht PSG, sie sind auf einem anderen Niveau. Wir müssen in jeder Sekunde konzentriert sein", meinte der Doppeltorschütze von Paris, dessen Goalgetter-Qualitäten gefragt sein werden.

Das Starensemble von Ernesto Valverde wiederum ist längst gewarnt und hat daher am Wochenende eine schöpferische Pause verordnet bekommen - das 0:0 gegen Huesca mit einer B-Elf ist bei nunmehr neun Punkten Vorsprung auf Atlético verschmerzbar. Der im Hinspiel arg ramponierte Messi sowie Luis Suárez dürften darauf brennen, die Schmach der vergangenen drei Spielzeiten vergessen zu machen. "Selbst bei einem 2:0 wäre alles offen - nach all dem, was in Paris passiert ist", sagte Valverde. Man könnte ergänzen: Nach all dem, was gegen Atlético Madrid, Juventus, die AS Roma - und damals im Camp Nou passiert ist.