Barcelona. Die internationale Sportpresse war euphorisiert, Lionel Messi der große Held. Vom für die Gegnerschaft "zerstörerischen Genie Lionel Messis" schrieb die englische "Daily Mail", vom "neuen König des Weltfußballs" die spanische "El Mundo". Die Schlagzeilen datieren allerdings nicht, wie man durchaus vermuten könnte, von diesem Donnerstag, dem Tag, nachdem der FC Barcelona beziehungsweise Messi mit einem 3:0-Hinspielsieg über den FC Liverpool beziehungsweise einem Doppelpack des Argentiniers das Tor zum Champions-League-Finale weit aufgestoßen haben, sie sind vielmehr fast zehn Jahre alt.

Am 27. Mai 2009 hatte die damals vom blutjungen Trainer Pep Guardiola trainierte Barcelona-Mannschaft im Finale über Manchester United in Rom mit 2:0 triumphiert und sich der an Körpergröße Kleinste mit seinem Kopfballtor zum Größten gemacht. Der 21-Jährige, der beim vorangegangenen Champions-League-Sieg 2006 schon als Ausnahmetalent gegolten hatte, aufgrund einer Verletzung aber in der finalen Phase nicht zum Einsatz kam, habe sich "in den Himmel gehievt", schrieb auch die französische "L’Équipe".

Es war quasi der Beginn einer Ära - nicht nur für den FC Barcelona, der binnen eines Jahres das bis dahin noch nie dagewesene Kunststück schaffte, alle sechs möglichen Titel abzustauben, sondern auch im Weltfußball. Fortan galt Baras von der holländischen Schule inspirierte und von Guardiola verfeinerte Tiqui-Taca, der schnelle Kurzpasswirbel mit den dafür prädestinierten Spielern Messi, Andrés Iniesta und Xavi, als stilprägend; auch die spanische Nationalmannschaft wendete es eine Zeit lang höchst erfolgreich an.

Heute ist es - mehr oder minder - zu Grabe gesungen, das Mittelfeldduo Xavi und Iniesta bei Barcelona ebenso Geschichte wie der Erfolgslauf des Klubs auf internationaler Ebene vorbei. Freilich ist es Jammern auf höchstem Niveau: Seit damals holte Barcelona noch unzählige weitere Titel - dass man auf dem Weg zu weiteren Champions-League-Triumphen nach 2011 und 2015 aber zuletzt dreimal in Folge im Viertelfinale stolperte, wird in der katalanischen Metropole aber als endlich zu behebendes Manko erachtet.

Und einer ist schließlich immer noch da: Damals wie heute heißt der unumstrittene Star im Barcelona-Ensemble Lionel Messi. Neben Gerard Piqué und Sergio Busquets war er am Donnerstag einer von drei Spielern, die auch 2009 schon im Champions-League-Finale standen. Mit seinen beiden Toren und seiner Leistung hat er neben Luis Suárez, dem Torschützen des Führungstreffers, den Unterschied gegen eine starke Liverpool-Mannschaft ausgemacht und maßgeblichen Anteil daran gehabt, dass Barcelona wieder vom höchsten Titel im Weltfußball träumen darf.

Zwar wollte niemand das Rückspiel am kommenden Dienstag auf die leichte Schulter nehmen, doch dass man am liebsten alle noch zu vergebenen Trophäen abräumen will, ist kein allzu gut gehütetes Geheimnis. Die Meisterschaft ist bereits zu den Gunsten Messis und Kollegen entschieden, im Cup ist man im Finale gegen Valencia Favorit. Und sollte Liverpool sich an der Anfield Road nicht noch zu einem Wunder aufschwingen, wäre man auch im Champions-League-Finale gegen Ajax oder Tottenham (das Hinspiel endete 1:0 für die heuer famos aufspielenden Niederländer) zumindest der Papierform nach in dieser Rolle.

Allerdings ist Barcelona gewarnt: zum einen aus der Vorsaison, als es im Viertelfinal-Rückspiel gegen die AS Roma nach einem 4:1-Heimerfolg noch ein böses Erwachen in Form einer 0:3-Niederlage gab; zum anderen verfügt man in Sachen Spielstil nicht mehr ganz über jene Souveränität wie früher. Freilich war man auch gewissermaßen gezwungen, sich immer wieder ein kleines bisschen neu erfinden, als die Gegner immer bessere Antworten fanden - ohne dabei die bewährten Tugenden zu vernachlässigen.

Mit Spielern wie Suárez und Arturo Vidal ist das Spiel der Katalanen physischer geworden, auch Messi hat in dieser Hinsicht zugelegt, an Durchschlagskraft und Effizienz gewonnen. Der Hunger ist derselbe geblieben. Vor der entscheidenden Saisonphase sagt er: "Wir haben drei Finalspiele, alle gemeinsam werden wir es schaffen."