Liverpool. Der Geschichte begegnet man an der Anfield Road allerorten. Man hält sie hoch beim FC Liverpool, jenem 1892 gegründeten Traditionsverein, der 18 Mal englischer Meister und fünfmal Sieger in Europas höchstem Pokalbewerb war – die tragischen wie die triumphalen Anlässe gleichermaßen. Auch in diesem Jahr gedachte man anlässlich des 30. Jahrestags einer der größten Katastrophen im Fußball, der fast hundert Toten von Hillsborough. Doch ausgerechnet in diesem Jahr könnte eines der erfolgreichsten Kapitel hinzukommen. Geschichte geschrieben haben die Reds von Trainer Jürgen Klopp ohnehin schon jetzt mit dem Finaleinzug; es war Geschichtsschreibung mit Rotstift sozusagen.

Denn nach dem 0:3 aus dem Halbfinal-Hinspiel gegen den FC Barcelona hätte wohl niemand mehr "einen Penny auf uns gesetzt", wie Klopp sagte. Doch mit einem 4:0-Erfolg über die Katalanen – die Tore erzielten in Abwesenheit von Stürmerstar Firmino und Mo Salah Divock Origi (7., 79.) und der erst zur Pause eingewechselte Georginio Wijnaldum (54., 56.) – hat seine Mannschaft das schier Unmögliche geschafft, den eigentlich in Topform befindlichen FC Barcelona mit Lionel Messi ent- und sämtliche Beobachter verzaubert. "Ich habe ihnen gesagt, es ist unmöglich. Aber weil ihr es seid, haben wir noch eine Chance", erzählte Klopp, der seine Mannen als "Mentalitätsgiganten" adelte..

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Es ist diese "Never-give-up"-Mentalität, die ein Großteil der Presse und der Spieler dem deutschen Trainer zuschrieb, die aber schon den FC Liverpool aus dem Jahr 2005 auszeichnete. Damals in Istanbul waren Kapitän Steven Gerrard und Co. in einem der denkwürdigsten Finalspiele zur Pause gegen den AC Milan aussichtslos mit 0:3 zurückgelegen, ehe eben Rekordspieler Gerrard, Vladimír Šmicer und Xabi Alonso binnen sechs Minuten den Ausgleich herstellten und Torhüter Jerzy Dudek im Elfmeterschießen (3:2) zum Helden avancierte. Es sollte bis heute der letzte Champions-League-Erfolg der Reds, einer ihrer bisher letzten Titelgewinne überhaupt, bleiben.

Wenngleich sie diesmal noch einen Schritt vom großen Coup entfernt sind – im Finale am 1. Juni trifft man entweder auf Ajax Amsterdam oder auf Tottenham Hotspur (nach Redaktionsschluss, Hinspiel 1:0) –, erinnerten sich Fans und Gazetten freilich auch an jene Nacht in Istanbul. Für die "Daily Mail" war das am Dienstagabend Geleistete sogar "besser als Istanbul". Das Argument: "Barcelona ist besser als der AC Milan. Lionel Messi ist besser als Kaká. Und Liverpool ist jetzt besser als Liverpool damals. Liverpool ist jetzt nichts weniger als erstaunlich."

Barcelona erneut gedemütigt

Tatsache ist jedenfalls, dass dieses Liverpool – wieder einmal – eine der erstaunlichsten Comebackgeschichten des Fußballs geschrieben hat. Noch nie war es einer Mannschaft in einem Semifinale der Champions League zuvor gelungen, einen Dreitorerückstand in einen Aufstieg zu verwandeln; im Viertelfinale haben das auch erst Milan 2004 gegen La Coruña sowie AS Roma 2018 gegen Barcelona jeweils nach einem 1:4 aus dem Hinspiel geschafft. Im Achtelfinale 2017 war es wiederum Barcelona, das den bisher größten Rückstand wettmachte: Einem 0:4 gegen Paris Saint-Germain war in der Retourpartie sogar ein 6:1 gefolgt.

Nun aber haben die Katalanen schon zum zweiten Mal in Folge einen komfortablen Vorsprung leichtfertig aus der Hand gegeben, was die spanische Presse hart mit ihnen ins Gericht gehen ließ: "Diesem Barça" – das auf nationaler Ebene immerhin schon den Titel sicher hat und im Cup danach greift – sei "in Europa nicht mehr zu helfen", schrieb die Hauptstadtzeitung "El País"; es sei "plattgemacht (worden) wie eine Kakerlake", befand die Sportzeitung "As".

Auch für Barcelona wird das Match in die lange Klub-Historie eingehen, wenn auch in unrühmlicher Hinsicht. Für Liverpool, das im Kampf um die Meisterschaft gegenüber Manchester City im Hintertreffen liegt, scheint nun indessen alles möglich. Zumindest in der Champions League ist das letzte Kapitel noch nicht geschrieben