Amsterdam. Es ist ein Befund, auf den der englische Patient namens Fußball schon lange gewartet hat: Einer der Seinen wird sich am 1. Juni in Madrid zum Champions-League-Sieger küren, soviel steht nach dem zweiten Halbfinal-Rückspiel am Mittwoch, als Tottenham mit einem 3:2-Sieg gegen Ajax Amsterdam nicht nur das 0:1 aus dem Hinspiel, sondern auch einen 0:2-Pausenrückstand aufgeholt hat, fest. Tottenham oder Liverpool, das ist damit die einzige verbliebene Frage.

Erstmals seit 2008, als Manchester United im Elfmeterschießen über Chelsea triumphiert hatte, und damit erst zum zweiten Mal in der Geschichte ist das Endspiel eine rein englische Angelegenheit. Auch in der Europa League kämpfen heute, Donnerstagabend, die beiden Vertreter Arsenal (gegen Valencia, Hinspiel 3:1) und Chelsea (gegen Frankfurt, Hinspiel 1:1) um den Finaleinzug.

Damit wird - auf den ersten Blick zumindest - die Premier League ihrem Dasein als finanzkräftigste Liga der Welt auch im höchsten europäischen Klubbewerb gerecht. Dass der bisher letzte englische Triumph, jener Chelseas 2012, nun auch schon länger zurückliegt, wurde zuletzt - Jammern auf gediegenem Niveau freilich - von vielen als Versäumnis beklagt, zumal die englische Liga sich als Insel der Seligen, auf der Milch, Honig und TV-Milliarden gleichermaßen fließen, betrachten darf. In der Saison 2016/17, die der jüngste "Annual Review of Football Finance" der Wirtschaftsberatungsagentur Deloitte beleuchtete, übertraf die Premier League in der Umsatzrangliste erstmals die 5-Milliarden-Euro-Marke, wohingegen die zweitplatzierte spanische und die drittplatzierte deutsche Liga jeweils auf nur rund 2,8 Milliarden kamen. In der im Jänner herausgegebenen "Football Money League" wiederum lagen neun englische Teams bei den Umsätzen unter den Top 20 beziehungsweise sechs unter den Top Ten.

Überraschend ist daher vor diesem Hintergrund weniger, dass - sondern vielmehr welche Teams es aus England ins Finale geschafft haben, waren doch beide in ihrer Liga zuletzt weder sportlich noch in Sachen Finanzen die Allerbesten. Als Gesamtdritter war Manchester United die umsatzstärkste Mannschaft Englands, gefolgt von Chelsea auf Rang fünf und Liverpool, das sich - vor allem dank des Finaleinzugs im Vorjahr - auf Rang sieben verbessert hatte. Tottenham belegte in dieser Wertung den zehnten Platz aller Klubs respektive den sechsten jener aus England.

Sinnvolle Investitionen

Die Annahme, dass Geld alleine die Tore schieße, bewahrheitete sich also auch heuer nicht. Möglicherweise macht es sportlich glücklich - aber auch nur dann, wenn rechtzeitig wer drauf schaut, dass es sinnvoll investiert wird, sozusagen. Bei beiden Finalisten haben sich etwa die Engagements der Trainer Jürgen Klopp aus Deutschland beziehungsweise Mauricio Pochettino aus Argentinien als goldrichtig erwiesen.

Tottenham, das zwar eine große Tradition hat - unter anderem war der 1882 gegründete Verein 1961 der erste Klub im 20. Jahrhundert, der die Meisterschaft und den FA-Cup im selben Jahr gewann, holte 1963 als erster englischer Verein einen Europacup-Titel, gewann 1972 und 1984 den Uefa-Cup und hatte Spieler wie Paul Gascoigne und Gary Lineker in seinen Reihen -, aber schon lange keine wichtigen Titel gewann, spielt seit dem 2014 verpflichteten Pochettino konstant stark. Unter ihm entwickelte sich auch Eigenbauspieler Harry Kane zum absoluten Superstar, der nicht nur die Spurs, sondern auch die englische Nationalmannschaft zu Träumen von einer goldenen Zukunft inspiriert.

Es war Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet er ebenso wie der nominelle Liverpool-Superstar Mo Salah beim jeweiligen Finaleinzug aufgrund einer Verletzung nicht aufgeboten werden konnte - und ein Zeichen für die mannschaftliche Stärke, dass ein anderer in die Bresche sprang: der Brasilianer Lucas Moura, der im Rückspiel alle drei Treffer erzielte, das letzte in der sechsten Minute der Nachspielzeit. "Ich hoffe", sagte sein Offensivkollege Christian Eriksen, "sie bauen ihm jetzt eine Statue." Das Kleingeld dafür sollte durch den Finaleinzug gesichert sein.