Wien. Vom "Austrian Boy" ist in einem Brief von Arsenal-Funktionären am 3. Mai 1949 die Rede, in dem die Verantwortlichen des Londoner Spitzenklubs über eine Verpflichtung des jungen Österreichers Hans Menasse nachdenken. Aufgrund einer Beschränkung ist es Arsenal nicht erlaubt, weitere ausländische Spieler aufzunehmen, und der Transfer kommt nicht zustande. Heute ist Hans Menasse, Vater der bekannten Schriftsteller Eva und Robert, 89 Jahre alt und kann auf ein bemerkenswertes Leben zurückblicken. Eines, das im neu erschienenen Buch "The Austrian Boy" aus drei Perspektiven betrachtet wird: historisch, fußballerisch und persönlich. Dass sich aus dem Brief der passende Buchtitel ergibt, war für die Buchautoren schnell klar. "Hans Menasse zeichnet auch im hohen Alter immer noch eine gewisse Spitzbübigkeit aus", sagt Alexander Juraske, Fußballhistoriker und einer der drei Autoren.

Hans Menasse wächst im Wien der 30er Jahre auf. Als die Nazis 1938 in Österreich einmarschieren, kommt der achtjährige Hans mit einem Kindertransport nach England, wo er im Zuge des Programms von Pflegeeltern aufgenommen wird. Mit den eigenen Eltern ist abgemacht, dass Hans zurück nach Wien kommt, wenn sie das Naziregime überleben. Der jüdische Vater, die Mutter ist Katholikin, muss Zwangsarbeit leisten und kommt irgendwie über die Runden. Ihre Wohnung wird der Familie aber im Oktober 1938 im Zuge einer "Arisierung" entrissen. Eines Tages steht der Vienna-Spieler Karl Rainer, den der Vater als Fan der Blau-Gelben seit Jahren bewundert, vor der Tür und übernimmt die Wohnung der Menasses. Während Österreich die Nazis regieren, muss sich Hans Menasse als Kind in einem neuen Land zurechtfinden und eine neue Sprache lernen. Der Fußball nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Menasse findet durch den Sport einen Weg zur gesellschaftlichen Integration und Anerkennung. Später schafft er es zu Luton Town, damals noch ein Team der ersten englischen Liga.

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Zuerst geflüchtet, dann Nationalteamspieler

1947 kommt Hans Menasse dann als 17-Jähriger ins zerbombte Wien zurück. Seine Muttersprache hat er in der Zwischenzeit verlernt. Wie in England fungiert auch in Wien der Fußball als Türöffner, um sich in der österreichischen Gesellschaft der Nachkriegszeit einzufügen. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft nimmt ihn sein Vater, der trotz seines Wohnungsverlusts an Rainer ungebrochen ein Erzfan der Vienna ist, zu einem Heimspiel der Blau-Gelben auf der Hohen Warte mit. Hans Menasse tritt daraufhin dem Döblinger Fußballverein bei, in der Saison 1950/51 gibt er sein Debüt. Der Höhepunkt seiner erfolgreichen Fußballerkarriere ist der Gewinn der Meisterschaft 1955. Die Integrationsgeschichte Hans Menasses, sowohl in London als auch in Wien, ist eine, die zeigt, welche Bedeutung die Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe für den Prozess des Ankommens in einer neuen Gesellschaft hat. Im Fall des "Austrian Boy" ist es der Fußball. "Vielen anderen, die nach dem Krieg wieder nach Österreich zurückgekommen sind, ist die Wiedereingliederung nicht so gut gelungen wie dem Hans", sagt Juraske. 1954 spielt Menasse auch zum ersten Mal für das Nationalteam jenes Landes, aus dem er 15 Jahre zuvor vertrieben wurde. Sein Debüt für Österreich gibt er bei einem 1:1 gegen Ungarn in Budapest. "Die Leute, die seine Eltern beschimpft und verfolgt haben, jubelten ihm später in Wien im vollen Nationalstadion zu", sagt Juraske. Die WM 1954 in der Schweiz verpasst Menasse aufgrund der Gelbsucht. 1959 verlässt er die Vienna und wechselt zur Austria, für die er später auch jahrelang als Funktionär arbeitet.