Bergamo. In Norditalien, rund 50 Kilometer entfernt von Mailand, liegt in der lombardischen Gemeinde Orio al Serio ein Flughafen, bekannt als Drehscheibe für Billigflieger und Frachtgesellschaften. Knapp 13 Millionen Passagiere wurden hier im vergangenen Jahr befördert, großteils von und zu anderen Destinationen in Europa; ein Kommen und Gehen und mehr oder weniger großes Hallo oder Ciao. Jahrelang war das nur einen Steinwurf entfernte Bergamo auch im Fußball für Letzteres bekannt. Seit den Neunzigern hatte sich Atalanta Bergamo, der in dem 120.000-Einwohner-Städtchen ansässige Fußballklub, einen Namen als Ausbildungsverein gemacht, in dessen familiärer Atmosphäre manch Talent besser gedeihen konnte als in den Akademien der Großklubs. Die Früchte auf höchster sportlicher Ebene freilich durften meist die anderen ernten.

Doch in diesem Jahr hat sich das gewandelt, heuer strebt Atalanta selbst nach Höherem. Als aktuell Vierter der Serie A - hinter Meister Juventus, Napoli und Inter, aber zwei Runden vor Schluss immerhin drei Punkte vor Milan und der AS Roma - ist die erstmalige Qualifikation für die Gruppenphase der Champions League ebenso in greifbarer Nähe wie der erstmalige Gewinn der Coppa Italia seit 1963, als man den bisher einzigen Titel der Vereinsgeschichte diesseits der Serie B holte. Angesichts der Ergebnisse in dieser Saison ist Atalanta im Finale am Mittwoch (20.45 Uhr) in Rom gegen Lazio leichter Favorit. "Jetzt wollen wir alles, die Coppa und die Champions League", sagt Duván Zapata.

Der kolumbianische Leihspieler von Sampdoria Genua ist einer der Stars der Mannschaft von Trainer Gian Piero Gasperini und der treffsicherste im ohnehin schon offensivfreudigen Ensemble, das Fußballspiele auch gerne zu einem Spektakel macht. 73 Tore hat Atalanta in dieser Saison nach 36 Meisterschaftsspielen auf dem Konto, das sind um vier mehr, als Juventus mit seinem Starstürmer Cristiano Ronaldo zu bieten hat. Dass die Defensive darunter bisweilen leidet, wirkte sich noch nicht nachhaltig negativ auf die Gesamtbilanz aus. Denn dass die Balance stimmt, konnte man in dieser Saison oft beobachten. Dafür nahm Bergamo freilich auch in Kauf, dass man jetzt nicht mehr nur auf Nachwuchskräfte setzt, sondern den Kader punktuell mit vielen - vor allem südamerikanischen - Kräften verstärkt hat.

Mit einem Marktwert von 193,95 Millionen Euro nur im Mittelfeld

Die laufende Saison ist die erste seit langem, in der man mit Minus 32,40 Millionen Euro eine signifikant negative Transferbilanz aufweist. Dennoch schaffte es Gasperini mit der Unterstützung von Präsident Antonio Percussi, einem in den Bereichen Gastronomie, Textilien und Immobilien tätigen Unternehmer, aus den vorhandenen, relativ bescheidenen Möglichkeiten Erstaunliches herauszuholen. Denn mit einem Gesamtmarktwert von 193,95 Millionen Euro und - laut dem Branchendienst "Calcio e Finanza" - Spielergehältern von 27 Millionen Euro liegt Atalanta unter den 20 Serie-A-Vereinen bestenfalls im Mittelfeld. Juventus ist hier ohnehin das Maß aller Dinge, doch auch Lazio übertrifft seinen Gegner am Mittwoch in diesen Bereichen bei Weitem. Doch aktuell liegen die Römer, deren Marktwert auf 302,90 Millionen geschätzt wird, in der Liga nur auf dem achten Platz.

Die eigene Heimstätte als Asset

Die Atalanta-Spieler selbst schreiben ihren Erfolgslauf daher auch weniger der monetären Stärke denn vielmehr jener des Willens zu. "Was mir an uns am meisten gefällt, ist unsere mentale Kraft. Damit überwinden wir jede Hürde", sagt Zapata. Ob dies auch so bleiben wird, ist freilich ungewiss, schließlich haben die Erfolge von ihm, seinen Kollegen und Gasperini Begehrlichkeiten anderer Klubs geweckt.

Die Champions League wäre ein Argument, das Wechselabsichten so mancher Spieler allerdings im Keim ersticken könnte - ein anderes ist jenes, wonach auch die mittelfristigen Perspektiven gut sind. In zwei Jahren soll das vereinseigene Stadion - in Italien noch immer eine Seltenheit -, das derzeit umgebaut wird, in neuem Glanz erstrahlen. Für den nach der mythologischen Gestalt Atalante benannten Verein ist es also nicht ausgeschlossen, dass der sagenhafte Höhenflug so schnell nicht zu Ende ist - und dass Bergamo nicht mehr länger in erster Linie einen Namen als Abflugort für Talente hat.