Wien. "Heute spielt der Uridil, Uridil, Uridil. Man kann sagen, was man will, so wundervoll trifft keiner mehr ins Goal - Jawohl!" Als der Wiener Hermann Leopoldi 1922 dem damaligen Rapid-Star Josef Uridil diese Liedzeilen widmete, konnte der grün-weiße Klub auf eine bisher nicht dagewesene sportliche Entwicklung zurückblicken: Sieben Mal hatte der vor 120 Jahren gegründete Verein die (seit 1911) bestehende österreichischen "Erste Klasse"-Liga - zu der anfangs nur Wien und Niederösterreich zählten - als Meister beendet, zwischen 1919 und 1921 sogar ohne Unterbrechung. Hinzu kamen zwei Triumphe (1919 und 1920) im erst jungen Cup. Besser hätte es also für Rapid nicht laufen können, wobei vor allem der Meistertitel und das Double 1919 die Basis für den Mythos der Unbezwingbarkeit und des Selbstbewusstseins legte, von dem der bis heute als Rekordmeister geführte Klub - auch wenn dies aufgrund unterschiedlicher Zählweisen von der Konkurrenz angezweifelt wird - weidlich zehrt.

Tatsächlich können Coach Didi Kühbauer und Neo-Sportboss Zoran Barisic von den statistischen Werten, die ihre Vorgänger rund um Langzeittrainer Dionys Schönecker (1910-1925) und Angreifer Uridil (1914-1925) vor einem guten Jahrhundert so hinlegten, nur träumen. Die Saison 1919 ist da ein gutes Beispiel: Rapid konnte unter schwierigen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen - im November 1918 war der Erste Weltkrieg zu Ende und die Monarchie untergegangen - nicht nur zwei Titel holen, sondern auch eine Spielbilanz vorweisen, die nur selten erreicht wird. Die Hütteldorfer gewannen 1918/19 bis auf zwei Niederlagen (gegen Amateure und Sport-Club) und ein Unentschieden (gegen den Wiener AC) sämtliche Spiele, einige davon ungewöhnlich hoch, wie die letzten Saisonpartien gegen Hertha (8:1), Simmering (9:2) und Wacker (8:0) beweisen. Der 3:0-Finalsieg über den Sport-Club im Cup, der in dieser Saison erstmals als Pflichtbewerb ausgeschrieben worden war, war da eine besondere Draufgabe. Liga-Zweiter wurde überraschend der Wiener Klub Rosenhügel.

1919 war auch das Jahr, in dem Josef "Pepi" Uridil vom Jungtalent zum Fußballstar und nationalen Publikumsliebling aufstieg. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg holte er sich drei Saisonen hintereinander den Titel des Torschützenkönigs und wurde von seinen Anhängern fortan mit der Ehrenbezeichnung "Tank" (Panzer) gerufen. Uridil war es auch, der damals den bis heute noch gepflegten "Rapid-Geist" kreierte - das heißt, das gemeinsame Kämpfen mit der Mannschaft um den Sieg bis zur letzten Spielsekunde. Als Paradebeispiel für Uridils Klasse und den von ihm geprägten Geist gilt das Meisterschaftsspiel 1921 gegen den Wiener AC, als man bereits zur Pause 1:5 zurücklag und einer Niederlage ins Auge blickte. Doch Rapid kämpfte sich in Hälfte zwei zurück, stellte bis zu Beginn der letzten 15 Minuten auf 3:5 - und siegte schließlich doch noch spektakulär mit 7:5. Nachdem alle Treffer auf das Konto Uridils gegangen waren, gab es für die Fans freilich kein Halten mehr. Um den Wiener, der achtmal ins Nationalteam berufen wurde, entwickelte sich ein regelrechter Kult, bald erschien Uridils Name auf zahlreichen Produkten wie Bier oder Süßigkeiten sowie auch im Schauspieleraufgebot für diverse Film- und Theaterprojekte.

Ob auch die Rapid-Viertelstunde, deren Entstehung oft auf das Jahr 1919 datiert wird, auf Uridils Initiative zurückzuführen ist, darüber scheiden sich bis heute die Geister. Tatsache ist aber, dass die Tradition der Anhänger, ihre Spieler zu Beginn der letzten 15 Minuten noch einmal mit viel Beifall zu Höchstleistungen anzuspornen, bei Rapid bereits vor 1919 gelebte Praxis gewesen sein dürfte. Darauf lassen zumindest zeitgenössische Zeitungsberichte schließen. So schrieb das "Neue Wiener Tagblatt" am 9. September 1916: "Erst in der letzten Viertelstunde zeigt sich die Überlegenheit der Hütteldorfer." Und in einem Artikel vom 13. November des Jahres heißt es: "Das Endergebnis von 2:0 (gegen Dornbach, Anm.) stellten die Rapid-Spieler erst in ihrer berühmten ‚Viertelstunde‘ her."

Kirchturmuhr als Auslöser?

Der wirkliche Ursprung der Rapid-Viertelstunde - eine Erzählung bringt sie mit der Kirchturmuhr beim früheren Rapid-Sportplatz in Wien-Rudolfsheim in Verbindung - bleibt bis dato im Dunkeln. Bei Rapid bleibt diese Tradition, die dem Verein in den vergangenen hundert Jahren tatsächlich wiederholt geholfen hat, weiterhin verankert. Mag sein, dass der letzte Meistertitel bereits eine Weile her ist (2008) und Rapid nach seiner Form sucht. Aber seinen Stolz hat der grün-weiße Klub deswegen noch lange nicht verloren. Auch dank 1919.