Thomas Pöltl, Bibliothekar des österreichischen Fußballs. - © Schacherl
Thomas Pöltl, Bibliothekar des österreichischen Fußballs. - © Schacherl

Wien. "Die Auseinandersetzung mit dem Fußball war in der deutschsprachigen Literatur lange Zeit nicht wirklich anerkannt. Das hat sich in den letzten zehn Jahren verbessert", sagt Thomas Pöltl. Er selbst hat Pionierarbeit geleistet und vor drei Jahren die Bibliothek des österreichischen Fußballs gegründet, die seither Teil der städtischen Büchereien ist.

"In anderen Ländern, zum Beispiel in Italien, gehört es zum guten Ton für Schriftsteller, auch Fußball-Werke zu verfassen." 2016 hat Pöltl die Fußballbibliothek in Wien gegründet. Zuvor hat er jahrelang privat Bücher und Zeitschriften gesammelt, bis ihm irgendwann der Platz in den eigenen vier Wänden zu klein wurde. Der 52-Jährige, der zuvor schon bei den Bibliotheken der Stadt Wien gearbeitet hat, leistete intern erfolgreich Überzeugungsarbeit für die Sinnhaftigkeit einer Fußballbibliothek. Heute umfasst die Sammlung 2000 Medien, in der Mehrzahl Bücher, DVDs und Fan-Zeitschriften.

Nun bringt Pöltl in Zusammenarbeit mit dem Herausgeber der "Bibliothek des deutschen Fußballs", Frank Willmann, eine vierteilige Serie über die Wiener Fußballvereine Rapid, Austria, Sportclub und Vienna heraus. In Deutschland wurden die "Fußballfibeln" vor drei Jahren ins Leben gerufen, um literarische Perspektiven auf den Fußball zu berücksichtigen, die bisher weniger oft dargestellt wurden. Unter dem Motto "Fans schreiben für Fans" werden die Geschichten ausschließlich aus dem Blickwinkel von Anhängern erzählt. In Deutschland sind bisher 22 Bände erschienen, zum Beispiel über Dynamo Dresden, Bayern München oder auch den FSV Zwickau. Pöltl hatte schließlich die Idee, auch mit österreichischen Vereinen die Serie umzusetzen und begab sich auf die Suche nach geeigneten Autoren. "Das war ein bisschen so, wie ein Fußballteam zusammenzustellen. Mir war wichtig, dass die Bücher von verschiedenen Charakteren verfasst werden", sagt Pöltl. "Das Konzept, dass Fans für Fans schreiben, ist keine Plattitüde. So unterschiedlich wie die Fans sind, so unterschiedlich sind auch die Zugänge der Autoren." Tatsächlich profitiert die nun neu erschienene Serie von den unterschiedlichen Hintergründen der Autoren. Was den Büchern gemein ist, ist die oftmals durchklingende Wehmut angesichts erfolgreicher, vergangener Zeiten. Schließlich "war man mal jemand", in der glorreichen Zeit des Wiener Fußballs, die immer weiter verblasst.

Was Rapid widerspiegelt

Thomas Lanz folgt in seiner Erzählung dem Rhythmus der vergangenen Rapid-Saison. In seinem Spieltagebuch finden sich neben Geschichten aus dem Fanleben immer auch Querverweise auf die Vereinshistorie des Rekordmeisters. Im Falle von Lanz, der seit über zwanzig Jahren Mitglied der "Ultras Rapid" ist, weisen die Erzählungen eine besondere Nähe zur Fanszene auf. Aus dieser Perspektive gibt er Einblicke in oft diskutierte Themen wie Stadionverbote oder "Aufreger" der Vergangenheit, zum Beispiel rund um diverse Protestaktionen und Spruchbänder. "Natürlich muss man da manchmal auch abwägen, wie viel man preisgibt oder wie man etwas formuliert", sagt Lanz zur "Wiener Zeitung". Im zweiten Kapitel widmet er sich etwa dem Vorgängerverein der Grün-Weißen, dem 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club. Als Anlass dient das erste Meisterschaftsspiel der vergangenen Saison, das auf den Tag genau 120 Jahre nach der Gründung des 1. WAFC stattfand. Dadurch entsteht eine abwechslungsreiche Mischung aus Erzählungen, die direkt im Umfeld des Spieltags ihren Schauplatz haben, und wichtigen Ereignissen der Vereinsgeschichte. Die Rapid-Ausgabe ist der einzige Teil der Serie, der von einem Autor stammt, der über Jahre hinweg eine führende Funktion in der organisierten Fanszene einnahm. "Das spiegelt Rapid auch wider", sagt Lanz. "Der Verein baut viel auf der Fangeschichte der letzten Jahrzehnte auf." Welch aktuelle Bezüge ein Buch trotz aller Vorausplanung haben kann, zeigt Lanz mit seinem letzten Satz, in dem er ein Spruchband des Rapid-Fanklubs "Lords" aufgreift, mit dem sie "Sicherungshaft" für den nun abgesetzten FPÖ-Innenminister Herbert Kickl forderten.