Baku. Es ist ein in vielerlei Hinsicht, nun ja, ungewöhnliches Spiel, das Europas Fußball-Fans am Mittwoch (21 Uhr/Puls4) in Baku erwartet. Und das liegt gar nicht einmal so sehr daran, dass es eben nicht auf europäischem, sondern asiatischen Boden ausgerichtet wird. Vielmehr bestreiten das Europa-League-Endspiel in einem mehr als 60.000 Zuschauer fassenden Stadion mit Chelsea und Arsenal zwei Mannschaften, die aufgrund logistischer Schwierigkeiten nur von jeweils (maximal) 6000 Anhängern begleitet werden können, und deren eine aufgrund politischer Spannungen auf einen ihrer besten Spieler verzichten muss. Weil Arsenals Henrich Mchitarjan aufgrund seiner armenischen Herkunft um seine Sicherheit in Aserbaidschan bangt, ist er die Reise gleich gar nicht angetreten.

Der Verzicht auf den Offensivspieler, der aus demselben Grund schon anderen Spielen in Aserbaidschan, das sich mit Armenien im Konflikt um die Region Bergkarabach befindet, ferngeblieben ist, hat in den vergangenen Tagen viel Staub aufgewirbelt und Aserbaidschan in anderer Hinsicht als erhofft in den Fokus gerückt. Dabei machen Menschenrechtsorganisationen schon seit geraumer Zeit regelmäßig auf die Missstände im von Präsident Ilham Aliyev autokratisch regierten Land aufmerksam. Im "Human Rights Watch"-Report für 2019 wird unter anderem über systematische Folter berichtet, in der aktuellen "Rangliste der Pressefreiheit" der Organisation "Reporter ohne Grenzen" belegt Aserbaidschan unter 180 Ländern Rang 166.

Arsenal kam mit einem Gesamtscore von 7:3 über Valencia ins Finale - © APAWeb / afp
Arsenal kam mit einem Gesamtscore von 7:3 über Valencia ins Finale - © APAWeb / afp

Unter anderem Sportveranstaltungen sollen zur Imagepolitur dienen. 2015 ging hier die Premiere der Europaspiele über die Bühne, seit 2016 gastiert die Formel 1 in der zwei Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt am Kaspischen Meer. "Sportwaschen" nennt Kate Allen, die britische Direktorin von Amnesty International, den Versuch Aserbaidschans, durch Fußball-Folklore von der Menschenrechtsbilanz abzulenken. Nun, im Fall des Europa-League-Finales hat das ohnehin nicht wirklich funktioniert, vielmehr hat die Causa Mchitarjan die Schlagzeilen erneut auf die Missstände gerichtet. Und wer weiß - hätte es ihn nicht gegeben, wäre auch ein anderer Umstand nicht weiter aufgefallen: dass nämlich der staatliche Ölkonzern Socar (State Oil Company of Azerbaijan Republic) einer der Hauptsponsoren der Uefa-Nationalmannschaftsbewerbe ist - und Baku gleich vier Spiele der paneuropäischen EM 2020 austragen wird.

Chelsea zitterte sich im Elfmeterschießen über Frankfurt ins Endspiel. - © APAWeb / REUTERS
Chelsea zitterte sich im Elfmeterschießen über Frankfurt ins Endspiel. - © APAWeb / REUTERS

Dass das Europa-League-Finale damit irgendetwas zu tun hätte, ist freilich nicht gesagt. Zum einen verlief der Bewerbungsprozess einigermaßen transparent. Baku verfügt über ein topmodernes Stadion, und die Menschenrechtslage ist offiziell kein Kriterium. Zum anderen gehört Socar nicht zu den offiziellen Geldgebern der Klubbewerbe. Zudem sind die kolportierten 20 Millionen Euro, die jährlich aus dem erdölreichen Land in die Uefa-Kassen gespült werden, zwar nicht nichts - im Vergleich mit den Einnahmen aus den TV-Rechten machen die Sponsorenerlöse ganz generell aber nur einen geringen Teil des Budgets aus.

Laut unlängst erschienenem Finanzbericht für das Geschäftsjahr 2017/18 hat die Uefa in diesem Zeitraum knapp 2,8 Milliarden Euro eingenommen - 2,5 Milliarden aus den Klubbewerben, vor allem der Champions League, und 220 Millionen Euro aus den Teambewerben. Insgesamt kamen dabei knapp 2,3 Milliarden, also rund 81 Prozent, von den übertragenden Stationen und Diensten, 454 Millionen und damit nur etwa 16,3 Prozent aus eigentlichem Sponsoring, der Rest aus anderen Quellen wie Ticketing, Hospitality et cetera.

Und doch werden die Sponsoren, die freilich durchaus beabsichtigt besonders in der Auslage stehen, immer wieder auch kritisch beleuchtet. Beim Champions-League-Finale vor einem Jahr in Kiew mussten die Banner mit der Aufschrift "Gazprom" - der russische Erdgasriese ist einer der Bewerbssponsoren der Champions League - nach Protesten in der Ukraine kurzerhand entfernt werden. Zumindest dieses Problem wird es bei Socar, dessen Chef Rovnag Abdullayev auch Präsident des nationalen Fußballverbandes ist, in Baku nicht geben. Und auch ein anderes kennt Abdullayev nicht: Wenn er will, wird er es mit Sicherheit rechtzeitig ins Stadion schaffen. Damit hätte er vielen Arsenal- und Chelsea-Fans schon einmal etwas voraus.