Madrid. (art) Es mag eine Fußnote sein, doch es sagt viel über die beiden Trainer aus, die am Samstagabend im Champions-League-Finale von Madrid zwischen dem FC Liverpool und Tottenham Hotspur (21 Uhr/Dazn) an der Seitenlinie antreten: Beide haben, seit sie als Coaches ihre Füße auf englischen Boden gesetzt haben, noch keinen einzigen Titel geholt. Und beide gehören sie dennoch zu den angesehensten Persönlichkeiten, die der Weltfußball derzeit zu bieten hat: Jürgen Klopp auf der einen, Mauricio Pochettino auf der anderen Seite. Nur einer von beiden wird am Samstag den begehrtesten Preis im Klubfußball in den spanischen Nachthimmel recken dürfen. Als Sieger dürfen sich aber schon jetzt beide fühlen - auch wenn die Chronisten im Fall einer Niederlage Liverpools nicht müde würden vorzurechen, dass es dann schon Klopps siebentes verlorenes Finale seit dem DFB-Cup-Sieg 2012 wäre.

Tatsächlich ist jetzt schon von einem Endspielfluch die Rede, der vermeintlich auf dem Deutschen lastet. Die bittersten Endspiel-Niederlagen bezog er 2013 noch als Dortmund-Coach in der Champions League gegen Bayern München und im Vorjahr, als die Reds sich Real Madrid mit 1:3 beugen mussten. Selbst Klopp kann seine Geschichte nicht gänzlich von sich weisen: "Die Welt da draußen erwartet von uns, dass wir das Finale gewinnen. Von mir persönlich erwarten das viele Leute vielleicht noch ein bisschen mehr, weil ich es so oft versucht habe", sagt er. "Ich will das unbedingt, aber ich will das nicht für mich. Ich will das für meine Spieler und für diesen großartigen Klub erreichen."

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"Brave new world"

Dasselbe hat freilich Pochettino mit den Spurs vor. Und auch sonst eint den Argentinier und den Deutschen einiges: Die Leidenschaft für den Sport, der Zusammenhalt, der in ihren Mannschaften unübersichtlich ist, die Vorliebe für aggressives, offensives Auftreten. Wenngleich Pochettino sich selbst während seiner Spielerkarriere in Argentinien, bei Espanyol Barcelona, Paris Saint-Germain und Girondins Bordeaux als knallharter Verteidiger einen Namen gemacht hatte, präferiert er - aus einer stabilen Defensive heraus - das Spiel nach vorne. "Man muss mutig sein", lautet sein gerne artikuliertes Credo - und "Brave new world" der dazu passende Titel des 2017 erschienenen Buches über die Wandlung Tottenhams unter dem heute 47-jährigen Trainer. Der Mut, Neues auszuprobieren, zieht sich auch durch seine Karriere, die in der argentinischen Pampa unter seinem Entdecker Marcelo Bielsa begonnen hatte, die ihn dann als Spieler nach Spanien und Frankreich und als Trainer später nach England geführt hatte. Der Beginn sei hart gewesen, sagt Pochettino über seinen Anfang bei Southampton. "Ich konnte kein Wort Englisch." Doch er verstand sich auf andere Art und Weise mit den Spielern, die ihm bald blind folgten, bei den Saints und seit 2014 bei Tottenham. Er sei mit der Situation unzufrieden gewesen, schreibt Tormann Hugo Lloris in "Brave new world" über die Zeit vor Pochettino. "Wir hatten keine Philosophie. Ich habe gedacht, ich müsste weg, weil ich dabei war, meine Leidenschaft, meine Liebe zum Fußball zu verlieren. Als ich Mauricio getroffen habe, hat er sie in mir wieder erweckt. Sogar meine Frau hat gesagt, dass sich mein Gesichtsausdruck geändert hat."

Topklubs stehen Schlange

Doch nun, ausgerechnet auf dem (vorläufigen) Höhepunkt angekommen, könnte es Pochettino sein, der bald weg ist. Die Möglichkeiten bei Tottenham, das in Folge der ausufernden Kosten für den Stadionneubau auf dem Transfermarkt keine großen Sprünge machen kann, sind limitiert, die heurigen Leistungen - vor allem bei einem Champions-League-Sieg - kaum noch zu toppen. Und Pochettino, der schon im Vorjahr von ESPN zum siebentbesten Trainer der Welt gekürt worden ist, stehen alle Türen offen; im vergangenen halben Jahr ist kaum eine Woche vergangen, in der er nicht mit einem der größten Klubs der Welt in Verbindung gebracht wurde.

Aktuell ist der Trainerposten bei Juventus vakant. Schon mehrmals hat Pochettino, dessen Ur-ur-urgroßvater einst ins Piemont ausgewandert war, seine Bewunderung für den Klub kundgetan - jedenfalls deutlicher, als jetzt sein Bekenntnis zu Tottenham ausfällt. Momentan, sagt er, sei all das nicht wichtig. "Heute gibt es nichts Wichtigeres als das Spiel, das vor uns liegt."