Paris. Die Werbemaschinerie rollte lange vor dem Ball. Am 8. Mai, als vielleicht nicht alle Welt, aber zumindest die Fans der Royals sehnsüchtig auf die Verkündung des Namens des Babys von Herzogin Meghan und Prinz Harry warteten, gab dessen Bruder William vorerst einen anderen Namen bekannt: Steph Houghton werde Englands Team als Kapitänin anführen; die theatralische Verlautbarung war Teil einer auf mehrere Stunden ausgedehnten Social-Media-Kampagne, mit der England den Countdown für die am Freitag in Frankreich beginnende Fußball-WM der Frauen einläutete. Und es ist nur ein Beispiel für viele Aktionen, mit denen in den vergangenen Wochen und Monaten dafür geworben wurde.

Es ist keine gewagte Prognose, dass dieses Turnier dem Frauenfußball eine nie dagewesene Bühne bieten wird, die Zuschauerzahlen der jüngsten Veranstaltungen zeigen einen eindeutigen Trend. Bei der WM in Kanada vor vier Jahren wurden 1,353 Millionen Besucher registriert; die EM in den Niederlanden vor zwei Jahren, bei der die Österreicherinnen bis ins Halbfinale vorstießen, bescherte nicht nur dem ORF Traumquoten, sondern den Veranstaltern schon vor dem Finale für ein Kontinentalturnier rekordverdächtige 212.000 Stadiongäste. Für die bevorstehende WM waren die Karten für das Finale und die Vorschlussrunde binnen kürzester Zeit vergriffen; auch viele andere Spiele dürften in den neun Stadien, deren Kapazitäten zwischen etwas mehr als 20.000 und mehr als 60.000 Plätzen liegen, vor vollen Rängen stattfinden.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Der Teufel im Detail

Angesichts dieser Prognose wird schnell klar: Der Frauenfußball ist zumindest auf Turnierebene zu einem bedeutenden Faktor geworden. Langsam, aber doch beginnen die Verantwortlichen dem Rechnung zu tragen. So wurden die Fifa-Prämien im Vergleich zur WM 2015 auf insgesamt 30 Millionen Dollar verdoppelt, nachdem schon in Kanada die zweifache Summe des Vorherigen ausgeschüttet worden war. Für den Turniersieg gibt’s von der Fifa vier Millionen Dollar. Auch die Ausrüster haben finanzielle Zuckerl ausgelobt, Sportartikelhersteller Adidas etwa beteuert, den Frauen im Erfolgsfall dasselbe zahlen zu wollen wie den Männern. Wie die nationalen Verbände die Kickerinnen entlohnen, ist unterschiedlich; bei den Deutschen wurde eine Weltmeisterprämie von 75.000 Euro pro Spielerin ausverhandelt.

Doch der Finanzteufel steckt im Detail - denn verglichen mit dem Männerfußball kassieren die Frauen auch auf höchster Ebene bestenfalls ein netteres Taschengeld. Bei der Männer-WM 2018, die mit 32 Teams stattfand, schüttete die Fifa insgesamt 400 Millionen Dollar aus, ein Vorrundenausscheiden wurde mit 8 Millionen vergütet - und damit dem Doppelten, das die Weltmeisterinnen einstreifen dürfen. Und hätte Deutschland sich nicht gar so blamiert und stattdessen den Titel erfolgreich verteidigt, hätte jeder der Männer von Joachim Löw 350.000 Euro vom nationalen Verband bekommen.

Infantino räumt Fehler ein

Wenngleich Studien zu dem Schluss kommen, dass der Gender Pay Gap in Deutschland bei Prämien viermal so hoch ist wie im Rest der Gesellschaft, hält man sich im DFB-Frauenteam mit Systemkritik zurück. Dominik Thalhammer, Trainer der nicht qualifizierten Österreicherinnen, sieht die Sache pragmatisch und in dem gestiegenen Preisgeld immerhin "einen Schritt in die richtige Richtung. Es wird von der Fifa sehr viel getan, um den Frauenfußball zu pushen. Ich will aber nicht werten, ob es zu wenig oder viel ist", sagt er. Einige Fußballerinnen sehen dies anders, Klagen gegen die Fifa wegen Ungleichbehandlung werden geprüft. Am Tag seiner Wiederwahl zum Fifa-Präsidenten räumte Gianni Infantino Fehler in der bisherigen Vermarktung ein, die seiner Meinung nach ein Grund für die großen Unterschiede seien."Wir müssen den Frauenfußball entwickeln und in ihn investieren. Wir müssen da mehr Aufschwung schaffen und ihn separat vom Männerfußball vermarkten", sagte er am Mittwoch.

Mag sein, dass es nur eine Beschwichtigungstaktik ist. Denn bisher lautete das Argument stets, der Männerfußball sei vermarktungstechnisch eben die Lokomotive. Doch hinsichtlich der WM in Frankreich dürfte der Motor bei den Frauen auch in dieser Hinsicht immer besser ins Laufen kommen.