Paris. Es ist ein Bild, das nicht einer gewissen Symbolik entbehrt: Anstatt mit dem französischen Präsidenten, wie am Höhepunkt seiner sportpolitischen Macht, gemütlich beisammenzusitzen, sah sich Michel Platini am Dienstag Beamten der französischen Korruptionsbekämpfung gegenüber.

So getrennt diese beiden Welten scheinen mögen, so hängen sie doch unmittelbar zusammen. Denn bei einer polizeilichen Befragung musste Platini, der vorerst in Gewahrsam blieb, einst französische Fußballlegende, später Chef des europäischen Fußballverbandes und aussichtsreicher Anwärter auf das Amt des Weltverbandspräsidenten, Auskunft über jenes Treffen mit dem damaligen Staatschef Nicolas Sarkozy und dem Emir Katars im Élysée-Palast im November 2010 geben. Wenige Tage später hatte Platini bei der Vergabe der WM 2022 für Katar gestimmt, das unmittelbar danach begann, groß in den französischen Fußball zu investieren. Zudem wurde sein Sohn Laurent wenige Wochen danach zum Europa-Chef einer katarischen Investorengruppe.


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Der Report von Michael Garcia zur Doppelvergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022
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"Alle Fragen beantwortet"

Wie diese Ereignisse zusammenhängen, ist Gegenstand von Ermittlungen.Allerdings betonte der Anwalt Platinis im Laufe des Nachmittags, sein Mandant sei lediglich als Zeuge befragt worden, habe alles beantwortet und sich "nichts vorzuwerfen". Berichte über eine Verhaftung würden demnach nicht stimmen - dass er vorerst in Gewahrsam blieb, habe lediglich damit zu tun, dass ein Kontakt der Befragten untereinander vermieden werden sollte. Dabei handelt es sich neben dem früheren Sportfunktionär um die Sarkozy-Vertrauten Sophie Dion und Claude Gueant.

Vorwürfe gegen Platini gibt es freilich schon lange, doch auch bisher konnte ihm in diesem Zusammenhang zumindest kein Fehlverhalten nachgewiesen werden.

Eine ironische Fußnote in der Geschichte des Fußballs ist es freilich, dass der heute 63-Jährige zwar im Jahr 2015 vom Weltverband aus dem internationalen Geschäft ausgesperrt worden war, allerdings aus einem völlig anderen Grund: wegen einer ungeklärten Zwei-Millionen-Franken-Zahlung des ebenfalls gesperrten damaligen Fifa-Chefs Joseph Blatter.

In "Freizeitkleidung" mit dem Emir im Élysée-Palast

Platinis Rolle bei der Wahl Katars wurde indessen auch im Bericht von Michael Garcia, der die Vorgänge untersuchen sollte – und dann entnervt aufgab, weil sich der Weltverband zuerst lange standhaft weigerte, seine Ergebnisse zu veröffentlichen – ein Kapitel gewidmet. Doch auch dieses, das in dem Report, der dann nach langem Tauziehen doch publik gemacht wurde, nachzulesen ist, enthält nicht allzu viel Aussagekraft. Demnach habe es das Treffen zwar gegeben, Platini habe es laut eigenen Angaben aber für ein "privates Lunch" mit Sarkozy gehalten – und sei selbst "überrascht" und "peinlich berührt" gewesen, als er "plötzlich in Freizeitkleidung" dem Emir Katars gegenübergestanden sei.

Was von Platini geblieben ist

Die Katar-Riyal sind zwar nach der WM-Vergabe tatsächlich nachweislich nach Frankreich geflossen – unter anderem wurde Paris Saint-Germain übernommen, ein Sportsender gegründet, und auch außerhalb des Fußballs investiert, ein Zusammenhang mit der aus vielen Gründen umstrittenen Fifa-Wahl konnte aber nicht belegt werden. "Folglich hält die ermittelnde Kammer keine weiteren Aktionen für nötig", heißt es in dem Bericht.

Auch im Zuge der französischen Ermittlungen ist noch vieles unklar, Tatsache bleibt aber, dass Platini, der stets betont hatte, an seiner Rehabilitierung arbeiten zu wollen, auf diesem Weg einen neuerlichen Rückschlag hinnehmen musste. Geblieben sind von seiner Amtszeit als Uefa-Chef, die von 2007 bis 2015 währte, beispielsweise die Durchführung der EM 2016 in Frankreich – die er nicht mehr aktiv als Präsident erleben durfte –, die Pläne der paneuropäischen EM 2020 sowie der Nations League.

Mit diesem Erbe hätte er eigentlich vor seiner Sperre die nächste Stufe, respektive den Chefsessel im Weltverband, erklimmen wollen, den stattdessen nun Gianni Infantino innehat. Im Oktober würde seine Sperre auslaufen. Doch nach einer triumphalen Rückkehr sieht es derzeit nicht aus.