Rio de Janeiro. (may/apa) Zweifacher Weltmeister gegen ewigen Zuschauer, 14-facher Copa-América-Champion gegen einmaligen Semifinalisten, Fußballhochburg gegen Krisenland: Vor dem Viertelfinal-Aufeinandertreffen bei der Südamerikameisterschaft zwischen Argentinien und Venezuela sind die Rollen klar verteilt. Und doch wäre es gewagt, der Elf von Superstar Lionel Messi am Freitag (21 Uhr MESZ/Dazn) in Rio de Janeiro so ohne weiteres die Favoritenrolle zuzuschanzen. Denn nachdem die Albiceleste mehr schlecht als recht die Vorrunde überstanden hat, hat die Vinotinto (die Weinrote) in der Gruppenphase Gastgeber Brasilien ein 0:0 abgetrotzt. Außerdem eint die No-Name-Truppe ob der Konflikte im Heimatland ein gemeinsamer Geist.

Venezuela steckt bekanntlich seit Jahren durch die Linksdiktatur in einer tiefen politischen Krise, doch die Fußball-Nationalmannschaft hat es geschafft, die Menschen in dem gebeutelten Land etwas träumen zu lassen. In den Supermärkten gibt es kaum etwas zu kaufen, den Krankenhäusern gehen die Medikamente aus, zahlreiche Oppositionelle sitzen in Haft, doch zumindest die Fußballelf befindet sich bei der Copa in Brasilien in der Erfolgsspur.

Mit einem Sieg und zwei Unentschieden zog das Team als Gruppenzweiter in die K.o.-Phase, wo das Märchen weitergehen soll: "Die Lage im Land ist für unsere Spieler ein Impuls, denn wir wollen den Fans eine Freude bereiten", sagte Teamchef Rafael Dudamel. "Wir wollen, dass im Land Ruhe und Frieden herrscht. Wenn die Auswahl spielt, ist das ein schöner Moment, um die Venezolaner dazu einzuladen, sich zu einen." Ganz ähnlich sieht es Verteidiger Mikel Villanueva: "Wir spielen eine wichtige Rolle für unser Land. Unsere Leute haben ein bisschen Freude verdient."

Dabei mangelt es dem Sport in Venezuela eigentlich an der integrativen Kraft, schließlich dominieren Baseball und Basketball; und die Nationalmannschaft ist das einzige Team aus dem südamerikanischen Fußballverband, das sich noch nie für eine WM qualifiziert hat. Zudem fehlt es komplett an Stars mit Strahlkraft: Von den Spielern des aktuellen Copa-Kaders stehen zwei in der heimischen Liga unter Vertrag, die meisten verdingen sich bei mittelklassigen Klubs in Südamerika, Europa und den USA. Und so stützt sich Trainer Dudamel vor allem auf blutjunge Talente aus den recht erfolgreichen Nachwuchskadern, in denen er zuletzt viel Aufbauarbeit leistete.

Die venezolanische U20-Auswahl wurde 2017 sogar Vizeweltmeister. Und an Selbstbewusstsein mangelt es den Venezolanern auch nicht. "Wir sind gekommen, um Hauptdarsteller in der Copa zu werden und uns erst am 7. Juli zu verabschieden", prophezeite Dudamel.

Da hat freilich Messi, der so wie die gesamte argentinische Mannschaft auf eine Leistungssteigerung hofft, etwas dagegen: "Jetzt beginnt eine andere Copa", versprach der Kapitän, der in Brasilien seinen ersten Titel für die Albiceleste holen möchte. Allerdings taten sich die Gauchos gegen die Elf von der Karibikküste schon öfter schwer: In den vergangenen drei Begegnungen konnte kein Sieg eingefahren werden, in einem Freundschaftsspiel im März setzte es sogar eine Niederlage. "Venezuela ist ein komplizierter Gegner, der sehr gut im Konter ist", befindet auch Manchester-City-Stürmer Sergio Agüero. Gelingt den Argentiniern der Aufstieg, dann käme es zum absoluten Copa-Highlight: Denn im Semifinale wartet Erzrivale Brasilien, der sich gegen Paraguay im Elfmeterschießen durchsetzte und zum Superclásico de las Américas bitten würde.