Porto Alegre. Denkt man an Fußball und Südamerika, fallen zunächst einmal die Ländernamen Brasilien und Argentinien; gefolgt vielleicht von Uruguay, seines Zeichens der erste Weltmeister, und Chile, zuletzt immerhin zweimal hintereinander Sieger der Copa América. Bei der diesjährigen Auflage sind letztere drei bereits ausgeschieden - Argentinien geschlagen von Brasilien, die anderen beiden von Peru. Nach dem Sieg gegen Uruguay im Elfmeterschießen setzte sich die Mannschaft des argentinischen Trainers Ricardo Gareca in der Nacht auf Donnerstag überraschend klar mit 3:0 gegen den Titelverteidiger durch und sieht sich nun am Sonntag (22 Uhr Dazn) Brasilien gegenüber, einem Giganten des Weltfußballs.

Doch man täte der peruanischen Fußballtradition Unrecht, würde man das Land klischeehaft nur als eines der Anden, Inkas und gebratenen Meerschweinchen betrachten. Vielmehr ist das flächenmäßig drittgrößte Land Südamerikas auch im Weltfußball ein schlafender Riese, der gerade im Begriff ist, erneut zu erwachen. 1975 holte man zum zweiten und bisher letzten Mal den Copa-América-Titel, bei Weltmeisterschaften im selben Jahrzehnt sorgte ein gewisser Teófilo Cubillas für Begeisterungsstürme. Mit ihm und dank seiner jeweils fünf Tore schaffte Peru den Einzug ins WM-Viertelfinale 1970 sowie in die -Zwischenrunde 1978.

Doch die darauffolgende Weltmeisterschaft 1982 sollte für lange Zeit die letzte mit peruanischer Beteiligung werden, ehe der seit 2015 amtierende Gareca das Team im Vorjahr nach Russland führte. Dort war zwar nach der Vorrunde Schluss. Doch nachdem man schon zuvor mitreißenden Fußball mit schnellem Umschaltspiel und gefährlichen Angriffen gezeigt hatte, gab es zum Abschluss immerhin einen 2:0-Sieg über Australien - und während des Turnierverlaufs einige Gänsehautmomente. Alleine die Inbrunst, mit der die Peruaner ihre Hymne "Somos libres, seámoslos siempre" schmettern, in der sie ihre Unabhängigkeit nach jahrhundertelanger Unterdrückung besingen, geht durch Mark und Bein.

Peru ist ein multiethnisches Land mit einem hohen Anteil an indigener Bevölkerung und großen sozialen Unterschieden. Doch der Fußball, Nationalsport vor dem ebenfalls sehr populären Volleyballsport, dient als Kitt quer durch alle Schichten. Überschattet wird dies durch die Massenpanik im Olympia-Qualifikationsspiel gegen Argentinien 1964, die sich im Mai zum 55. Mal jährte: Sie ist mit 350 Toten und Hunderten Verletzten als eine der größten Tragödien im Fußball in die Geschichte eingegangen, die schweren darauffolgenden Ausschreitungen versetzten das Land in Aufruhr, tiefe Narben sind geblieben.

Doch man ist stolz auf seine Kicker, stolz auf Cubillas, der 1972 sogar als bester Fußballer Südamerikas ausgezeichnet wurde, stolz auf seine Doch-nicht-ganz-Erben, die später vereinzelt den Sprung in europäische Topligen schafften wie den langjährigen Deutschland-Legionär Claudio Pizarro, und nicht zuletzt stolz auf die aktuellen Copa-Helden wie Paolo Guerrero, der sich in der Nacht auf Donnerstag in die Rekordbücher eintrug: Mit seinem 13. Treffer ist er der aktive Spieler mit den meisten Toren in diesem Bewerb. Doch auch wenn Peru in Guerrero, Edison Flores, einem weiteren Halbfinal-Torschützen, oder dem aktuell verletzten Jefferson Farfán einige Spieler mit durchaus klingenden Namen in seinem Kader hat, so ist der Unterschied zum brasilianischen Starensemble ein gewaltiger. Und der spiegelt sich auch in den nackten Zahlen wider: Der gesamte Kader der Peruaner wird vom Branchenportal transfermarkt.at auf 46,05 Millionen Euro geschätzt - das ist in etwa die Hälfte dessen, was Philippe Coutinho demnach wert ist. Insgesamt wird der Kaderwert Brasiliens auf 970,5 Millionen Euro taxiert - und das, obwohl der teuerste Spieler der Welt, Noch-Paris-Stürmer Neymar, wieder einmal verletzt fehlt.

Eskapaden, wie man sie von Neymar aus seiner Zeit in Barcelona und Paris kennt, sind freilich auch den peruanischen Spielern nicht fremd. Gareca hat es aber weitgehend geschafft, sie abzustellen und den Spielern Disziplin beizubringen. Sollte jedoch Peru tatsächlich das scheinbar Unmögliche schaffen, werden alle Dämme brechen. Denn zumindest das mit der peruanischen Leidenschaft ist mehr als ein Klischee.